Frau Emma Hellenstainer und ihre Zeit – Leopoldina

Am Friedhof wölbte sich ein kleiner Hügel, den Frau Emma mit ihren Tränen benetzte, und auf dem Grabstein stand geschrieben: Deiner Eltern größte Freude warst du, warst ihr tiefster Schmerz, dein Erblüh’n entzückte beide, dein Verwelken brach ihr Herz. Und im Schmuckkästchen der Frau befand sich neben Ringen und Broschen eine Locke seidenweiches, blondes Kinderhaar mit schwarzer Schleife.

An einem Maienmorgen saß Frau Emma an der Wiege, ihre Augen waren vom Weinen geschwollen. An der leeren Wiege? O nein, es lag darin ein Luischen, das vierzehn Tage alte Ebenbild von Leopoldine. Abends vorher hatte das Zimmermädchen Kathi Sappelsa das widerstrebende Kind aus den Armen der Mutter genommen, um es zur Ruhe zu bringen. Das Mädchen legte es, um das Bettchen noch zu ordnen, auf das Fensterbrett. Die Jalousien waren unglücklicherweise nur angelehnt, nicht geschlossen. Diese öffneten sich und das Kind fiel vom zweiten Stock auf die Straße und starb am nächsten Tage.

Die unglückselige Kathi verbarg sich drei Tage lang, ohne Speise und Trank, in der „finstern Gastkammer“. Endlich kroch sie heraus und fiel der Mutter zu Füßen, um Verzeihung bittend.

Was konnte diese anders tun als verzeihen! Jedoch Kathi täglich sehen und um sich zu haben, das ging nicht an. Sie musste fort. Nach Jahresfrist wieder zurückberufen, verblieb sie bis zu ihrer Verheiratung im Schwarzadler; es gab kein treueres, geschickteres und arbeitsameres Mädchen, als Kathi. Mit der Zeit vernarbte die Wunde und der Frohsinn kehrte zurück.

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Veröffentlicht von josefauer.com

Archivbilder und Genealogie

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