Tiroler Volksleben – Kinderleben

Der Gebirgsbauer läßt, wie schon oben erwähnt, seine Kinder aufwachsen wie das liebe Gras. Eine eigene “Kindsdirn” wird selten gehalten und wenn auch die wohlhabende Bäuerin zur Sommerzeit nicht auf das Feld geht, sondern im Hause bleibt, so hat sie doch zu viel in Küche und Gaden mit Kochen und Buttern zu schaffen, als daß sie sich recht um ihr kleines Kind kümmern könnte. Ist der Schreier mit einem dicken Mehlbrei abgefüttert, so legt sie ihn in seine Wiege, steckt ihm einen Riesenschnuller, in alamanischen Bezirken “Nütti” genannt, ins Mäulchen, und nun mag er selbst mit sich fertig werden. Noch weniger Pflege läßt selbstverständlich das Weib des Kleinbauern ihrem Säugling angedeihen. Ihre Hände sind draußen auf dem Felde notwendig, es bleibt ihr daher nichts anderes übrig, als ihn entweder mitzunehmen und im weichen Gras unter einem schattigen Baum niederzulegen, oder ihn zu Hause nebst seinem Brüderchen und Schwesterchen einzusperren und das kleine Volk dem lieben Schutzengel anzuempfehlen.

Leider verläßt man sich nur zu sehr auf diesen himmlischen Wärter und zeigt besonders für größere Kinder, die bereits herumlaufen und klettern können, eine solche Sorglosigkeit, daß es nur wunder nehmen muß, daß nicht noch öfter ein Unglück sich ereignet. Sensen und Sicheln liegen und hängen frei in der Tenne; den Eltern fällt es ebenso wenig ein, die Kinder davor zu warnen, als irgend einen offenen nächst dem Hause fließenden Kanal zuzudecken oder bei einem Absturz ein Geländer zu machen, bis sie eines Tages ein verunglücktes Kind als Leiche beklagen. Dafür nur ein Beispiel. Bei einem Bauernhof im Pustertal fiel vor einigen Jahren ein Kind durch eine Lücke des Haussöllers und blieb tot. Kurze Zeit später verunglückte das zweite auf dieselbe Weise. Da meinte endlich der umsichtige Hausvater, er müsse nun doch bald “a Sprissel” im Söller “einmachen”, sonst könnte ihm das dritte Kind zuletzt auch noch draufgehen. Über den Verlust eines kleinen Kindes trösten sich die Bauersleute bald. “Es ist ein schöner Engel im Himmel geworden,” heißt es, und gewöhnlich hat man noch lebenden Kindersegen genug.

Dennoch ist das bäuerliche Elternpaar durchaus nicht ohne Zärtlichkeit gegen seine Sprossen. Besonders erfreut sich der jüngste “Zügel” derselben. Wenn die Bäuerin im stillen Gaden etwas Gutes nascht, so stopft sie gewiß auch ihrem “Nestgacker” den Schnabel damit voll und wenn der Bauer abends nach Hause kommt, so hat er nichts Eiligeres zu tun, als seinen Hansl oder Seppl auf den Arm zu nehmen. Er setzt sich mit ihm auf die Hausbank, schaukelt ihn auf den Knien und freut sich, wenn der Knirps ihm die Lederkappe herunterreißt oder die große Tabakspfeife zwischen die perlweißen Zähne nimmt. Untertags hat der Kleine keine guten Zeiten. Meistens ist ein älteres Schwesterchen da, welchem die Rolle des Kindsmädchens zufällt. Das behagt aber dem flüchtigen Ding nur selten; sie möchte lieber mit ihren Kameradinnen “Poppen lallen”. – denn sie besitzt eine aus Leinwandflecken zusammengeschneiderte Puppe, die ihr der Vater vom letzten Jahrmarkt aus der Stadt mitgebracht hat – oder mit den Buben herumtollen, “in die Kirschen steigen” etc. Da ist ihr das Kleine im Wege, daher läßt sie es nicht selten treulos im Stich auf die Gefahr der Strafe von ein paar Ohrfeigen, oder sie gibt ihm, wenn sie die Mutter in der Nähe weiß, einen heimlichen Klapps, daß diese auf das Zetermordiogeschrei besorgt herbeiläuft und das Weinende beruhigend selbst auf den Arm nimmt. Allmählich braucht das Kind dann weniger Pflege, es lernt zuerst kriechen im Grase und auf der Erde, unterhält sich halbe Stunden lang mit einem Stück Butterbrot, das es bald auf den Boden wirft, bald mit den braunen Händchen um den Mund schmiert, und lernt endlich fast von selber gehen.

Damit beginnt ein neuer Abschnitt seines Lebens. Wo eine Gruppe Kinder sich tummelt, watschelt sicher allemal ein Kleines, man weiß nicht, ob Bube oder Mädel, hinten nach, daß das kurze Kittelchen um die krummen Beinchen schlottert. Hundertmal purzelt es hin und krabbelt wieder empor oder bleibt heulend liegen, bis ihm ein Größeres zu Hilfe kommt, es wie eine Katze um den Leib packt und weiter schleppt. Sobald das Kind ordentlich laufen kann, will es auch überall dabei sein; es nimmt mehr und mehr Anteil an den Belustigungen der Geschwister sowie an allen Vorgängen des bäuerlichen Lebens in und außer dem Hause. Die gackernden Hühner, die auf den Lockruf “puli, puli” eiligst zum Futtertrog herbeilaufen, die versteckten Nester mit den Eiern, der bunt befiederte Hahn, die meckernden Schafe und Geißen, die Kühe und Kälber, das grunzende Schwein im engen Stall, in den die Mutter das eigensinnige Kind zu sperren droht, das alles fesselt die jugendliche Aufmerksamkeit im höchsten Grade. Und wenn die Bäuerin Butter schlägelt und den goldgelben Wecken formt, wobei es allemal eine dicke Butterschnitte absetzt, oder wenn sie Küchel bäckt und den bettelnden kleinen “Müdsack” mit dem erstfertigen beglückt: Was sind das für goldene Augenblicke im Kinderkalender! Jeder Tag, jede Jahreszeit bringt neue interessante Ereignisse, neue Spiele.

Sobald die Frühlingssonne warm scheint und den Platz vor der Haus und Stalltüre auftrocknet, ist die Stube für das junge Volk ein überwundener Standpunkt. Da suchen die Buben ihre Schusser, Specker, Datschießer, Datti oder wie diese Spielkügelchen sonst noch heißen, machen Grübchen in die Erde und kegeln darnach oder sie “watschelen” mit Steinen oder werfen ein “Steinmandl” um oder “ranggeln”, wo es nicht weniger Püffe absetzt, als bei einer Rauferei unter Großen. Allmählich erweitert sich der Spielraum, der Schnee zergeht, es wird mehr und mehr “aper” und trocken, im Walde blühen die Heiden (Heidekraut), die Finken zwitschern ihr “zi, zi, Bräutigia” und aus dem Bienenstock im Hausgarten schwärmen die Bienen und kommen mit gelben “Pfosen” (eigentlich Rollstrümpfe, Hosen) heim.

Da führen eines Tages die größeren Buben die Schafe auf die sonnigen Höhen hinauf, stecken sich Frühlingsblumen auf den pilzförmigen Lodenhut und jodeln und jauchzen von den Vorsprüngen ihren zurückgebliebenen kleinen Gespielen zu. Ein Hauptvergnügen der jungen Hirten besteht darin, ihre Widder gegen einander zu treiben und sie zum Kampfe zu reizen. Die mutigen Tiere gehen oft beiderseits eine große Strecke rückwärts, holen stark aus und stürzen dann mit voller Stoßkraft auf einander, daß die Hörner krachen. Der glückliche Besitzer des Siegers jauchzt vor Freude, schmückt das Tier mit Heidekraut und Fichtenzweigen und führt es mit Stolz in das Dorf zurück. Auch “Wassermühlen” werden angelegt und an munteren Wiesenbächlein in raschen Gang gebracht, sowie surrende Windrädchen an hoher Stange im Anger oder am Dache befestigt, daß die Hausschwalben mit lautem Gezwitscher darum herumkreisen, Von nun an bringt der “Langes” (Lenz) immer mehr neue und angenehme Beschäftigungen und Begebenheiten. Der Vater führt die Ochsen aus dem Stalle, spannt sie vor den Pflug oder vor die Egge und fährt damit auf die Äcker hinaus; da muß der Bube natürlich mit und dünkt sich nicht wenig, wenn er mit seiner großen “Geisel” vor dem Gespann herschreiten und knallen darf. Bald “spitzt” die junge Saat aus dem Boden hervor, auf der grünen Wiese daneben wächst der Bocksbart und der Sauerampfer, beides Leckerbissen für den kindlichen Gaumen, und die Orakelblume entfaltet ihre weißen Sterne. “Himmel, Höll’, Fegfeuer” fragen die Kinder, indem sie die Blütenblätter auszupfen. Unterdessen hat ein flinker kleiner Bursch im Anger den ersten Maikäfer gefangen und läßt ihn nun vor seinen Kameraden fliegen, oder er nimmt ihn zwischen Daumen und Zeigesinger der linken Hand und “speckt” ihm mit den Fingern der rechten den Kopf weg, wobei er bei jedem “Specker” hersagt: “Edelmann, Knödelmann, Bürger oder Bauer.” Eine andere Gruppe äfft den Kuckuck nach, dessen Ruf vom nahen Walde ertönt, bis er vor dem schrillen Pfiff etlicher Maienpfeifen, mit denen sich ein paar pausbackige Buben hervortun wollen, verstummt. Die Maienpfeifen werden, wie wir bereits wissen, aus den frisch in Saft stehenden Weidenstäben, dem sogenannten “Maienholz” verfertigt, beziehungsweise aus dessen Rinde, die durch behutsames Schlagen vom Holze losgelöst und auf diese ursprüngliche Weise zu diesem Instrument umgestaltet wird. Manche dieser Pfeifen haben einen Durchmesser von fast drei Zoll und eine Länge von fast einem Meter.

Der Frühling bringt nebstdem noch eine andere Hauptfreude für die Buben, die zwar eigentlich verboten ist, aber gerade um ihrer Heimlichkeit willen den größten Reiz hat, nämlich das “Birkenanbohren”. Sobald das Holz treibt und an den Bäumen die ersten “Katzeln” sichtbar werden, nimmt der Bube ein Schüsselchen oder Hafen, einen Bohrer, kleine Rinnen von Blech oder Holzröhren und schleicht heimlich vor seinen Kameraden und in aller Angst vor dem Waldhüter hinaus in den Wald. Dort sucht er sich die sonnigsten Stellen des Birkenholzes auf und späht nach den schönsten Stämmen. Hat er einen solchen gefunden, so sieht er sich vorerst um, ob ihn niemand bemerkt. Dann gräbt er ein Loch am Baumstamm und bohrt die Birke ziemlich tief unten an. Alsbald tropft der süße Saft derselben, das sogenannte Birkenwasser heraus. Er schlägt nun eine Rinne in das Loch, setzt das Schüsselchen darunter, deckt die Grube behutsam zu und macht alles unkenntlich. Denn wehe, wenn er von einem Kameraden entdeckt wird! Er findet dann am nächsten Morgen statt der süßen Flüssigkeit ein ganz anderes Naß in seinem Topfe. Noch schlimmer ergeht es dem jungen Frevler, wenn ihn der Waldhüter ertappt, der ihm die Birke in weniger angenehmer Weise zu kosten gibt. Und mit Recht, da auf solche Weise die schönsten Bäume, um ihr Herzblut gebracht, zu Grunde gehen, besonders wenn das Loch nicht wieder mit einem Zäpfchen zugeschlagen wird, was dem leichtsinnigen jungen Völkchen selten einfällt.

Das wichtigste Ereignis des Frühlings aber ist der erste Austrieb der Kühe. Die Tiere, welche den ganzen Winter über im Stalle gestanden, sind nicht wenig munter, machen die tollsten Sprünge und erproben alsbald ihre Hörnerkraft. Nicht lange dauert es, so rüstet man zur “Alpenauffahrt”. Schon am Tag zuvor hört man überall das Klingklang und Klumpern der großen und kleinen Glocken und Schellen, mit denen die Kinder in Haus und Anger lärmend herumlaufen. In der nächsten Morgenfrühe springen auch die kleinsten Büblen und Diendlen hurtig aus dem Federnest, um den abziehenden “Kuhselen” und “Öchslen” nachzuschauen. Der älteste Bube legt denselben die Glocken mit dem weißausgenähten Riemen um den Hals, nimmt einen Proviantsack auf den Rücken und begleitet mit dem Vater die Kühe ein Stück weit oder sogar bis auf die Alm. Steinmüde, denn der Weg ist weit für seine jungen Füße, und den Hut mit Jochblumen und Alpenrosen bedeckt, kommt er wieder nach Hause.

Die älteren Kinder, Knaben und Mädchen, werden im Sommer schon zu allerlei schönen Arbeiten verwendet. Für erstere gibt es tausend Handlangerdienste in Stall und Tenne und auf dem Felde, für letztere außer der Wartung jüngerer Geschwister mannigfache kleine Geschäfte in Haus und Küche.

Oft muß auch eines den Arbeitsleuten auf dem Felde das Essen hinaustragen oder denselben im Trinkfäßchen Wasser holen u.s.w. Dennoch bleibt dem jungen Volk Zeit genug, um seinen Vergnügungen nachzugehen und diese sind, besonders bei den Buben, mannigfach genug. Den Dorfkindern wird nirgends ein Zwang angelegt, es wird ihnen nur wenig befohlen, daher kommt auch der Ungehorsam nicht allzu oft vor und ist einmal der erste Kindereigensinn mittelst der Rute gebrochen, so steckt diese mit wenigen Unterbrechungen an ihrem Platze. Die Buben treiben sich stundenlang draußen herum, ohne daß ihnen jemand nachschaut. Da gehen sie um Holz, spüren dabei den Vögeln nach, klettern auf schlanke Bäume und schwingen sich, an den Gipfel geklammert, so lange, bis sie den nächsten Baum erfassen können, wagen sich in die schauerlichsten Schluchten hinein, suchen Vogelnester und fangen junge Eichhörnchen, um sie zu allerlei Possen abzurichten. Auch dürres Gras an den Lehnen wird angezündet oder auch ein Strauch oder Baum, daß die Lohe prasselnd aufschlägt und der Rauch sich oft über den halben Weg hinzieht. Mancher Waldbrand ist schon auf diese Weise entstanden; die Spitzbuben aber, die ihn veranlaßt, machen sich, sobald sie vor den um sich greifenden Flammen sich nicht mehr zu helfen wissen, einfach aus dem Staube. Abends, oft noch beim Mondschein, trifft man sie auf den Dorfplätzen und Wegen, wo sie mit Kugeln und Steinen verschiedene Spiele spielen, wie: Schusserlen, Mauerwerfen, Nachjagen, Steinplattelen, das etwas verwickelte Kreislen, Ballegrübeln, Geißspecken, Garggenwerfen, und wie diese uralten überkommenen Erzeugnisse kindlicher Nachahmungs- und Erfindungsgabe alle heißen. Auch das Steinwerfen, besonders mit Schleudern, ist Hauptvergnügen der Rangen und sie müssen sich schon deshalb darin üben, weil mancher von ihnen es später als Geißhirt braucht, um die Ziegen von gefährlichen Stellen zu verjagen.

Von Zeit zu Zeit bringt ein abgebrachter Feiertag vollständige Freizeit. Das sind nebst den Sonn- und Festtagen so recht eigentliche Spieltage, an denen alle jene verschiedenen Spiele gespielt werden, die seit uralten Zeiten im Sommer und Winter die Freude der Kinder gewesen sind. Die kleine Schar stellt sich in den Kreis, das Älteste beginnt, eines nach dem andern mit dem Finger betupfend:

Anderle, Banderle, schlag’ mi nit,
Kraut und Rüben mag’ i nit etc.

oder irgend einen andern Auszählreim, der die Spielrollen bestimmt, dann geht die Hetze los. Da wird z. B. “Fangen” oder “Derwischelets” gespielt, Blindemausen, Verstecken, zu dem sich in Schupfe und Tenne hundert passende Winkel vorfinden, “Schneider, leih’ mir d’Scheer'”, Geierlspiel, Farbenansagen, wobei gefragt wird: “Wer ist drauß?” “Der Engel mit dem goldenen Stab” oder “der Teufel mit der eisernen Sperrketten” und so noch viele andere Spiele, die in ähnlicher Weise auch in den Städten gang und gäbe sind, wie sich wohl jeder aus seiner eigenen Kindheit erinnert. Daneben gibt es aber auch eine große Anzahl anderer Spiele, die, einen Brauch oder Vorgang aus ältester Zeit nachahmend, auf dem Lande sich erhalten haben, während sie den durch ihre Umgebung beeinflußten Stadtkindern längst entschwunden sind. Solche Spiele mit den dabei vorkommenden Sprüchen und Liedchen sind für den Altertumsforscher sehr bemerkenswert, da sie, bis in die Tage des Heidentums zurückgehend, häufig einen mythologischen Kern enthalten, wie z. B. das Kinderlied: “Wir fahren, wir fahren über die goldene Bruck”, dem das Spiel “Himmel, Hölle und Fegfeuer” entspricht; zu dieser Gattung gehören auch das “Todaufwecken”, “die Sonne über’s Joch ziehen”, “St.Marte Rasseln”, “Blinde Schimmelreiten”, “Sautreiben” und andere.

An recht verlockend schönen Sommertagen hält es jedoch das junge Volk selten im Dorfe aus, besonders wenn im Walde Erdbeeren, Moosbeeren etc. reif sind. Da suchen die Buben und Mädchen Schachteln und Körbe hervor, stecken ein tüchtiges Stück Brot, und was die Mutter sonst noch von Eßwaren hergibt, in die Tasche und gehen “in die Beer”. In aller Morgenfrühe sieht man die lustigen kleinen Wanderer zum Hochwald hinaufsteigen, um abends mit reicher Ausbeute heimzukehren. Größere Jungen klimmen, mit einem Sack voll “Mieth” (besseres Futter, aus Salz, Mehl und “fürnehmen” Kräutern bestehend) versehen, höher hinauf auf den Berg, wo die Kälber den Sommer über gehütet werden und streifen dabei alle dunklen Waldungen, Hecken, Gebüsche und Stauden durch. Kommen sie auf einen freien Platz oder auf einen Vorsprung, wo man ins Tal hinabsieht, so jauchzen und jodeln sie, daß es durch alle Felsen “hildert”. Im Vorbeigehen suchen sie Beeren, Schwämme, Alpenkresse und Bergblumen und kommen abends beladen nach Hause.

So rückt der Sommer näher, die Bittwoche kommt mit den Kreuzgängen. Allerdings scheint mancher das Ehrenamt des “Kreuzvorantragens” nicht in seiner vollen Bedeutung zu erfassen, so daß es nicht selten vorkommt, daß ein Bube samt dem Kreuze seinen schon früher entwischten Gespielen nachläuft und die Prozession ohne Kreuz in das Dorf einziehen muß. Einen Glanzpunkt aber bildet das Fronleichnamsfest, vorzüglich für Mädchen, die “Kranz aufsetzen dürfen”, während etliche Buben als Fahnenträger oder Ministranten ihrer Bestimmung walten. Ängstlich spähen erstere schon am Vorabend in die Wolken, ob sie wohl dem morgigen Feste günstig seien, und beim Abendrosenkranz falten sich die Händchen zu einem Extra-Vaterunser in dieser Angelegenheit. Welche Freude, wenn der Morgenhimmel klar und blau herabgrüßt! Nachmittags führen Vater und Mutter die Kranzmädchen in das Wirtshaus zum “Kranzeinweihen”. Die kleinen Diendlen sind nicht wenig eitel und “spreizig” in ihrem Feststaat, obwohl die Lockenfrisur bereits etwas verworren herabhängt. Mit glühenden Wangen sitzen sie hinter dem Tisch vor einem halb gefüllten Glase roten Weines und nur die schmetternde Musik der Dorfbande, die im Wirtshausgarten ihre Weisen spielt, schließt auf eine Weile die Plappermäulchen. Die Buben bleiben nicht still sitzen, sondern halten sich in nächster Nähe der Musikanten auf, um die Handhabung der Trompeten und Flöten, besonders aber die große Trommel samt Blechplatten näher in Augenschein zu nehmen. Der Fronleichnamstag bleibt lange in angenehmer Erinnerung.

Kommt dann einmal der Sonnwendtag, wo das prächtige Schauspiel der Johannisfeuer und des abendlichen Scheibenschlagens klein und groß entzückt, so beginnt auch das Heu- und später das Korneinführen, wo einer der Buben allemal mitfährt, entweder auf dem Rosse reitend oder gar hoch oben auf dem Fuder thronend. Das Einheimsen und Verarbeiten der Vorräte bringt geschäftiges Leben und Treiben ins Haus, da gibt es immer etwas zu schauen und mitzuhelfen. Die Spätbergkirschen sind auch schon längst reif geworden und üben große Anziehungskraft. Da ist kein Kirschbaum zu hoch, kein Ast zu schwank, daß ihn nicht ein waghalsiger Junge erklettert; selbst die Mädchen, von ihren kurzen Zwilchkittelchen wenig beirrt, klimmen hinauf wie Katzen. “Mir auch ein Träubele!” rufen bettelnd die untenstehenden Kleinen und hier und dorthin fällt raschelnd ein Zweig voll der würzigen roten oder schwarzen Früchte. Über eine Weile sind die Birnen zeitig, die Marillen, Pflaumen und endlich die Äpfel. Fast stündlich wird der “Bangert” (Baumgarten) durchsucht und das Herabgefallene genascht; was halbreif ist, kommt zum “Abliegen” in die “Maugg”, d, h. ins Strohversteck. Freilich packt manchen Näscher wegen zu frühen Genusses oder wie im Frühsommer wegen der verschluckten Kirschenkerne tüchtiges Bauchzwicken, so daß die Mutter einen Hafen voll “Gramillentee” kochen muß; doch das geht vorüber und verdirbt nichts weniger als den Appetit auf die sauren Früchte.

Essen, und besonders etwas Außergewöhnliches, ist überhaupt ein großes Geschehnis im Kinderleben, und es gibt kaum eine größere Freude für die kleinen Leckermäuler, als wenn sie einmal beim “Dolmstechen” 1) eine große Anzahl derselben oder gar im Bergbach eine schöne Forelle oder einen Asch gefangen haben.

1) Dolm – Breitkopf, Fisch, der sich besonders in hellem Quellwasser unter Steinen aufhält. (Schmeller II. G. 505.)

Wenn aber die Äpfel aus den vom Wind geschüttelten Bäumen herabfallen, so ist auch bereits der Herbst ins Land gezogen. Mit Ungeduld harren die Kinder auf den Tag, an welchem die Kühe von der Alpe heimkehren. Die größeren eilen den Erwarteten ein gutes Stück Weges entgegen. Das Kinderherz pocht ordentlich, wenn der taktmaßige Ton der großen Klumpern und Schellen von Ferne hörbar wird und der Knall der riesigen Sennergeisel dumpf durch die ruhige Herbstluft zittert. Endlich “trampeln” die wohlbekannten Tiere langsam daher, geschmückt mit Kränzen und anderen Zierraten, die “Braune” mit einem wackelnden Männchen zwischen den Hörnern, die “Blaue” als tapferste Stechkuh oder “Mairin” mit einer Huifeder, die “Fleckete” als die milchreichste mit einem kleinen “Milchemper” (Milcheimer) um den Hals. Jubelnd werden die Kühe, die ihrerseits mit freudigem Muhen die Kinder zu erkennen scheinen, zum heimatlichen Stalle begleitet. Zugleich oder einige Tage später langt auch der Alpennutzen an, dem die genäschige Kinderschar nicht minder gerne entgegeneilt, denn da gibt es ein Stück Käse und eine Brotschnitte mit goldgelber Alpenbutter. Zuletzt kehren die Geißen heim und die Schafe mit den zierlichen Jungen, an denen Mädchen und Buben ihre Freude haben. Für letztere beginnt mit der Ankunft des Alpenviehes eine ganz eigentümliche Zeit, halb Junggesellenwirtschaft, halb Nomadenleben. Es wird ihnen nämlich das Amt zu teil, dasselbe auf die Talwiesen hinaus zur “Ätze” zu führen. Ist der Weideplatz weiter entfernt, so fährt der junge Hirte morgens, versteht sich mit Mundvorrat versehen, aus und kehrt erst abends nach Hause. Was er nun da draußen in der freien Natur alles anstellt, allein oder in Gesellschaft von Kameraden und anderen jungen Hirten, was für Spiele da gespielt, was für Streiche da verübt werden, haben wir schon beim Abschnitt “Ätze” gehört. Schnell entschwinden diese schönen Tage ungebundener Freiheit.

Trüber grauer Nebel überzieht den Himmel und senkt sich über die Berge, kalter Regen fallt oder es wirbeln gar schon die ersten Flocken herab. Mit dem Umherstrolchen ist es jetzt aus, aber Langeweile kennt die Jugend nicht. In Ermangelung aller andern Ergötzlichkeiten gibt es doch mindestens Traufen” 1), um darunter hinzustehen oder Regenlachen, Um mit einem oder beiden Füßen hineinzupatschen und darüber nach Herzenslust zu lachen. Hie und da ereignet nch auch etwas ganz Besonderes, Unvorhergesehenes, z. B. es fällt ein Betrunkener in einen Graben oder es liegt irgendwo eine totgefallene Katze, oder es fährt ein Dörcherkarren durch das Dorf, dessen Insaßen sich in aller Gemütlichkeit vor den Leuten durchprügeln, ein andermal wird ein Schwein geschlachtet oder es kälbert eine Kuh. Manchmal verirrt sich auch ein Bärentreiber, oder ein Dudelsackpfeifer hinaus auf ein Dorf. Man denke sich den Rummel unter der lieben Dorfjugend, die den Fremden anstaunt, wie die Großstädter weiland den Schah von Persien. Zu Zeiten gibt es eine Hochzeit, eine rechte, und in deren Folgen nicht selten eine sogenannte “wilde”, eine “Leich” samt Totenamt und Trunk, die Taufe eines Brüderchens oder Schwesterchens, kurz, das Kind schaut mit neugierigen Augen hinein in Natur und Menschenleben und findet jedes krumme Hölzchen bedeutungsvoll.

1) Vom Dach tropfenweise herabtriefendes Regenwasser.

Ist einmal der Winter da, so beginnt auch wieder die Schule. Um Martini (11. November) fängt sie an und dauert bis Georgi (24. April). Die armen Kinder haben da oft einen schlimmen Weg, von dem manches Herrenkind, das im Mantel und Überschuhen auf gepflasterten Gehsteigen zur Schule geleitet wird, keine Ahnung hat. Bei allem Wind und Gestöber, bei eisiger Kälte und durch tiefen Schnee oder über schlüpfrige Wege müssen die Knaben und Mädchen von den oft eine Stunde entfernten Berghöfen heruntersteigen. Viele nehmen ihre “Rodeln” mit und kommen so unter mehrmaligem Umwerfen im Flug ins Tal hinab, um freilich die “Rodel” beim Heimweg bergauf ziehen zu müssen. Ist die Schule sehr weit entlegen, so nehmen die Kinder, da vormittags und nachmittags zwei Lehrstunden gehalten werden, das Essen entweder mit oder sie werden bei befreundeten Bauernfamilien gemäß Abmachung über Mittag behalten und abgefüttert und kehren erst abends wieder heim. Für die Erwärmung der Schulstube wird an manchen Orten auf ganz absonderliche Weise gesorgt. Jedes der Kinder, oder abwechselnd bald dieses bald jenes, bringt vom Hause ein paar Scheiter Holz mit, um den Ofen zu heizen.

Trotz des oft weiten und bei schlechtem Wetter beschwerlichen Weges, gehen die gegen solche Beschwerlichkeiten abgehärteten Kinder doch alle gern in die Schule, denn an heiteren Tagen läßt sich auf dem Eise und im Schnee mit den Kameraden vortrefflich spielen. Diese Aussicht läßt die kleinen Wanderer noch bei dunkler Nacht, um sechs Uhr morgens oder noch früher, hurtig aufstehen. Jedes schlüpft in seine warme Lodenkleidung und verzehrt, nachdem es von der Mutter gewaschen und gekämmt worden, die dampfende Brennsuppe. Oft ist noch eine Aufgabe zu lernen, denn abends schließt das “Pechmandl” den Müden bald die Augen zu. Dann wird die Pelzmütze über die Ohren gezogen, die lederne Schultasche vom hölzernen Wandnagel genommen und um die Schulter gehängt, Mundvorrat, Holz, Rodel, Fußeisen oder was sonst noch nötig, ein- und aufgepackt, dann geht es mutig hinaus in die schneidige kalte Morgenluft. Die Wangen färben sich hochrot, die blonden Haare verbrämt weißer Reif. Bald kommen von anderen Wegen ein paar Nachbarskinder oder Kameraden, und nun wird es schon lustiger. Erlaubt die Zeit auch keine Spiele, so nimmt doch ein’s um’s andere im Vorbeigehen eine Handvoll Schnee, daß die Ballen hin- und herfliegen, oder ein Mutwilliger gibt seinem arglos dahinwatenden Freunde einen Puff, daß er kopfunter in den tiefen Schnee kugelt. Das Allerangenehmste aber bleibt das “Schleifen” auf den spiegelglatten Eisflächen der Lachen oder das Anlassen von Schneelahnen” an steilen Hängen am Wege. So kommt die Kinder-schar mit einigen Hindernissen in die Schule. Auf dem Heimweg, besonders wenn man nicht sehr weit nach Hause hat, braucht man sich nicht gar so zu beeilen. Da bilden die Buben Kriegsheere und bewerfen sich so lange mit Schneeballen, bis eine Partei weichen muß, während die andere in Siegesgeschrei ausbricht. An passenden Stellen bauen sie oft Walle von Schnee und bestürmen sie, indes der übrige Teil der Spieler, hinter der Schanze versteckt, diese verteidigt. Auch Schneemänner und Schneesäulen werden aufgetürmt und so lange mit Ballen beworfen, bis sie zusammenfallen. Übrigens pflegen die Mädchen auch nicht immer fein sittiglich heimwärts zu wandeln, sondern beteiligen sich oft an den Spielen des wildesten Jungen. Hochwillkommen in der Last der Schulwoche ist auch ein Vakanztag. Da glätten die Buben auf einem Schleifsteine die eisernen Schlittensohlen und fliegen dann wie Pfeile auf dem flinken Gefährt über die Hügel herab, unermüdlich, selbst nach dem Nachtessen im Mondschein. Viele Knaben haben Freude mit den Vögeln, die wegen der Kälte ganz nahe zu den Häusern kommen, richten einen Holunderschlag auf und fangen ein paar Meisen oder Rotkehlchen. Andere Vögel werden im Latz gefangen und mit aufgestreutem Hanfsamen angelockt. Manchmal versucht ein größerer Junge auch mit der alten rostigen Flinte seines Vaters einen Jochvogel zu schießen. Eines der beliebtesten Winterspiele ist das “Dozenhacken” auf dem festgefrorenen Boden. Wer würfe nicht gerne einen Kreuzer hin und bewunderte die Geschicklichkeit des Jungen, der ihn mit dem surrenden Dozen heraushackt. Wir werden bei den “winterlichen Belustigungen” ausführlicher darüber sprechen.

Man sieht, der Winter ist, mit Ausnahme mancher bösen Tage, wo arges Gestöber die zur Schule Wandernden auf dem Wege trifft und wo es “gahwindet” (schneestöbert), daß man, wie das Volk sagt, keinen Hund hinauswünschen möchte, kein so schlimmer Gast für die Kinderwelt. Dazu bringt er eine Reihe von Festtagen und Festzeiten, die jedes Kinderauge leuchten machen. Der erste derartige Feiertag ist Allerheiligen, wo auf den blumengeschmückten Gräbern die Lichter flimmern. Da erhalten die Kinder von der “Gothl” mürbes Brot, die Knaben in Hasen- oder Hahn-, die Mädchen in Hennenform, zum Geschenke. Von da sind es nur mehr einige Wochen bis zum Nikolaustage, wo der “heilige Mann” auf seinem Schimmel vom Himmel herabreitet und den braven Kindern schöne Sachen einlegt. Freilich ist auch der schwarze Klaubauf mit dem verhängnisvollen Rückkorb in seinem Gefolge, ein Umstand, der das Herz des schlimmen Hans, der kürzlich in der Schule zur Strafe “hinausknien” mußte, ängstlich klopfen macht. Jedes Kind bemüht sich, eine etwaige Scharte auszuwetzen, damit ihm der heilige Bischof seine Gaben nicht entziehe. Sind diese auch klein, so ist das unverzärtelte Dorfkind doch glückselig dabei. Rasch kommt hierauf die schöne Weihnachtszeit, wo die Mutter süßen Zelten bäckt und der Vater in der Stube beim Hausaltar das “Krippele” aufstellt oder wenigstens ein wächsernes Christkindl, umgeben von grünen Fichtenzweigen, an denen rote Äpfelchen hängen. Mancher reiche Bauer besitzt eine große Krippe mit Holzfiguren oder gar mit solchen aus Wachs und in Seide gekleidet. Da kommen die Kinder dutzendweise in die Stube “Krippele schauen” und sind hochbeglückt, wenn ihnen die freundliche Bäuerin ein paar Apfel oder ein Stück “Birnzelten” mit heimgibt. Um Heilig-Dreikönig erscheinen die Sternsinger, ein willkommenes Ereignis für die schaulustige Jugend, das nur von Aufzügen des Faschings, vom Schemen- oder Huttlerlaufen, Blockziehen, Grätziehen und wie diese Fastnachtsmummereien und Spiele alle heißen, in den Schatten gestellt wird.

Den Schluß aller winterlichen Feste bildet die Osterzeit. Was bringt nicht diese den Kindern für mannigfache Freuden! Erstlich das Palmtragen am Palmsonntag, wo jeder Bube trachtet, den schönsten und höchsten Palm zu haben, ein Ruhm, der das ganze Jahr hindurch nicht vergessen wird, dann das “heilige Grab” in der Kirche mit den farbigen funkelnden Glaskugeln, die feierliche Auferstehung am Karsamstag, wo der Heiland sichtbar über dem Altar emporsteigt, die roten Ostereier, die Osterlämmchen aus Butter, das Osterbrot – Fochaz genannt – alles unvergleichliche Herrlichkeiten. Um denselben die Krone aufzusetzen, ladet die Gothl ihre Patenkinder zum “Österlen” ein, d. h. sie bewirtet sie mit Leckerbissen und Süßigkeiten, deren sie noch ein gutes Teil in ein Tuch packt und den Kindern mitgibt. Noch begeistert von dem Erlebten plaudern diese auf dem ganzen Heimweg durch Felder und Wiesen. O goldene Kinderzeit!

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