Frau Emma Hellenstainer und ihre Zeit – Frau Emma schwer erkrankt

Kreszentia Torgglers Heimgang ward allgemein betrauert, ganz besonders von den Kindern. Erst gesund und voller Lebensfreude und jetzt würde sie ins schaurige Grab versenkt; es war unfassbar. Emma und Josefine fassten einen Plan. Marie, die praktische, wurde nicht eingeweiht, die hätte nicht mitgetan. Wenn Zenzi wirklich hinunter musste in die dunkle Gruft, so wollten sie wenigstens ihre schönen, blonden Zöpfe aufheben. Den ganzen Tag waren sie auf der Lauer, ob nicht das Tor des Schmiedhauses aufgehen würde… und richtig, jetzt war es offen… nur schnell hinauf über die Stiege, und schon stehen sie im Sterbezimmer. Ein altes Weiblein tut „Leiche hüten“. „Gedl, sei so gut und schneid‘ der Zenzi die Zöpfen ab, wir möchten sie gern aufheben“. „Ja, ja, Kinderlen“, antwortete die schon einigermaßen kindische Gedl, „das tue ich euch schon“.

Da stebt das Nähkörbl der Zenzi, sie entnimmt ihm die Schere, Emma befiehlt der Josefine, ihr Schürzchen weit aufzuheben, die Zöpfe verschwinden darin. Jetzt schnell in die Küche zur Mutter — sie zeigen ihr die Haare, sie erschaudert, bindet schnell die Schürze los, öffnet den Herdring und die blonde Haarpracht lodert auf vor den Augen der bestürzten Kleinen. Am nächsten Tage ist Frau Emma nicht mehr aufgestanden. Dr. Hell aus Welsberg und Dr. Kunater konstatierten die gefährliche Krankheit. Nun begann eine traurige Zeit: das Gasthaus wurde geschlossen, der Stellwagen durfte nicht mehr vor dem Hause halten, die Abonnenten mussten sich anderswo umsehen. Alles ging verschüchtert umher, man hörte wochenlang kein Lachen, ja kein lautes Wort mehr im Hause. Aber der Todesengel ging vorüber — die Krisis wurde gut überstanden, Frau Emma war gerettet. Wohl musste sie wie ein Kind gehen und sprechen lernen; die Haare waren ausgefallen, aber die Genesung ging ohne Rückfall vor sich. Jeden Tag führte sie Josef in der Kutsche nach dem Weiherbad, dessen Wasser sie sichtlich kräftigte.

Man überließ ihr dort die Fürstenkabine, das einzige Einzelbad, mit dem Wappen des Fürsten Porzia an der Zimmerdecke; Fürst Porzia hatte zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in Niederdorf zu Unterkurzen (Gasthaus zum Stern) seinen Sommeraufenthalt und nahm im Weiherbad die Bäder. Frau Emma erholte sich vortrefflich, die Haare wuchsen nach, die Wangen rundeten und röteten sich wieder, Lebenslust und Freude kehrten zurück, und auch die Stammgäste. Und nun wurden die fröhlichen Abende wieder ausgenommen, wo die Wirtin zur Gitarre sang. Es erklangen wieder „Wenn’s Mailüfterl waht“ und „Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand“ oder das neckische Unterinntaler Liedl:

Hinter mein Votern sein‘ Häuserl, Bau’ ich a Vogeltenn’ au’.
Fang’ ich dann nix as wie Zeiserl —
Kan Stieglitz, dem richt‘ i nöt au’.

Oder das tieftraurige, uralte Lied von der jungen Nonne:

„Ach, was nützet mir dies Ringlein, Da ich dein nicht werden kann?
Muss ich doch der Welt entsagen.
Eh‘ des Lebens Mai begann!“
 „Was für bange Tag’ und Nächte
Harren in der Zelle mein.
Bis die letzte meiner Tränen
Wird um dich geflossen sein?“

Der Ritter rief den Knappen:

„Schnell, zäume mir mein Pferd, Ich muss zum Kloster reiten.
Der Weg ist reitenswert“.

Pocht stürmisch an die Pforte, Er weiß, nun gilt’s sein Glück, Und fordert von den Nonnen sein Teuerstes zurück.

„Dein Lieb ist wohlgeborgen.
Darf nimmermehr hinaus!“

„Dann werd‘ ich Feuer legen, An dieses Gotteshaus!“

Drauf kam sie bleich geschritten, So bleich, im Ordenskleid, „… Mein Haar ist abgeschnitten — Leb‘ wohl in Ewigkeit!“

Er gab dem Pferd die Sporen, Schaut um kein einzig‘ Mal
Und — bis ins Herz getroffen —
Ritt trostlos er zu Tal!

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Veröffentlicht von josefauer.com

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