Drei Sommer in Tirol – Das Oberinntal

von Ludwig Steub

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Landeck ist ein Dorf, wie anderswo oft nicht die Städte sind – anderthalbtausend Einwohner, ansehnliche Häuser, an den Anhöhen malerisch aufgestaffelt, reinliche Gassen, eine schöne Brücke, eine große gothische Kirche, ein stolzes Schloß in der Höhe – dazu ein muthiger lebendiger Strom und ragende Berge. Dieses Dorf liegt zu zwei Theilen auf beiden Seiten des Inns und heißt der eine linker Hand Perfux, der andre Angedair, wunderliche Namen, deren Bedeutung Niemand weiß.

Die schöne Kirche zu Landeck steht auf einer Höhe über dem Dorfe und würde noch viel bessern Eindruck machen, wenn sie nicht in neuerer Zeit aufs albernste herabgeweißt worden wäre. Die Sage von der Gründung des ersten Gotteshauses ist vorne im Chor auf einem Gemälde dargestellt. Man erfährt daraus daß vor sechshundert Jahren oben im Gebirge auf Trambs ein bäuerliches Ehepaar gelebt, dem ein Wolf und ein Bär zwei Kinder fortgetragen. Die hülflosen Eltern stiegen eiligst herunter zu Marien „im finstern Walde,“ die in jener Zeit auf dieser Stelle verehrt wurde und gelobten in der Angst ihrer Seele eine Kirche daselbst zu erbauen. Und während sie beteten, trugen Wolf und Bär die Kinder im Rachen herbei und legten sie unversehrt vor den Eltern nieder. Darnach entstand da eine vielbesuchte Wallfahrt, die man seiner Zeit zu Unsrer lieben Frau im finstern Walde nannte. Die jetzige Kirche ist aber spätern Baues und wohl erst mit dem Jahre 1506 vollendet worden, wie die Jahreszahl andeutet, [204] die über dem großen Portale steht. Hinten in dem Schiffe zur rechten Hand ist ein gothischer Altar aus gleicher Zeit und daneben das Grabmal des edlen und gestrengen Oswald von Schrofenstein, der viel gethan zum Bau der jetzigen Kirche und gestorben ist 1497. Er führte einen Steinbock im Wappen, bei dem ältern alpinischen Adel ein vielbeliebtes Abzeichen. Auch im Chore der Kirche ist ein Denkschild, der jenes Ritters Gedächtniß bewahrt. Ein früherer dieses Geschlechts fiel mit Herzog Leopold bei Sempach. Schrofenstein, die Burg, liegt von Landeck aus zu sehen, auf dem andern Ufer des Inns im Bergwalde, schmales, thurmartiges Gemäuer von gelblicher Farbe, scheinbar an den Schrofen hingelehnt, in Wirklichkeit aber auf einer freistehenden Felsenstufe. Es ist schwer hinauf zu klettern; manche unternehmen aber das Wagniß dennoch, gelockt von dem vierhundertjährigen Wein, der nach der Sage noch immer im Burgkeller geschenkt wird, obgleich ihn nach Staffler die Bayern schon vor dreißig Jahren ausgetrunken. Uebrigens ist es auch der Mühe werth, der Schönschau willen hinzugehen.

Vor die Kirche zu Landeck, unter der Linde, die ehemals stand, verlegt die Ueberlieferung eine schöne Begebenheit. Herzog Friedrich nämlich, mit der leeren Tasche, war in Reichsacht von Constanz entronnen und, wie wir andern Orts erzählt, über Bludenz und den Arlberg nach dem getreuen Land Tirol gegangen. Weil aber der feindliche Bruder, Herzog Ernst, im Lande lag und Prälaten und Ritter zu ihm standen, so hielt sich Friedrich verborgen und nahm sein Versteck bei Hans von Müllinen auf der Burg Berneck im Kaunserthale und dann bei etlichen vertrauten Bauern in den Hochthälern. Aus einem solchen Orte kam er nun einmal nach Landeck herab, um die Stimmung des Volkes zu versuchen. Im Dorfe wurde damals zur Feier der Kirchweihe ein bäuerliches Reimspiel aufgeführt. Der Herzog ging als Pilgram verkleidet, selbst unter die Gaukler und sang den Landleuten im Schatten der grünen Linde eine Geschichte vor, wie ein ehrenhafter, fürstlicher Herr, der es zu allen Zeiten mit den Bauern gehalten, in Widerniß und Fehde hart bedrängt, seine Herrschaft verloren habe und als [205] Flüchtling im Elend irre. Als nun der Fürst so seine Ballade sang, rührten sich die Bauern und riefen allzusammen: das ist ja die Geschichte von unserm lieben Herzog Friedel; dieser aber warf alsbald Muschelkragen und Pilgerstab von sich mit den Worten: Und euer Herzog Friedrich bin ich selber. Sofort dann mächtiges Freudengeschrei von allen Seiten und helle Begeisterung, so daß die Bauern den Herzog auf dem Schild erhoben und jubelnd durch die Gassen von Landeck trugen. Nebstdem versprachen sie mit festem Handschlag in allen Nöthen ihm beizustehen und gegen seinen Bruder, gegen geistliche und weltliche Herren zu helfen, was auch seine Richtigkeit hatte, denn die Anhänglichkeit des Landvolks hat dem Herzog die Grafschaft Tirol erhalten.

Später beim bayerischen Einfall, 1703, versammelten sich einige muthige Männer ebenda zu Landeck im Linserischen Hause und beredeten das Verderben des feindlichen Heerhaufens, der über Finstermünz ins Vintschgau ziehen sollte. Die Männer tagten, während in demselben Hause die fremden Officiere tafelten, und nach der blutigen Stunde an der Pontlatzer Brücke ging es in Erfüllung, was sie beschlossen. Kaiser Leopold schickte ihnen dafür einen goldenen Becher, der im Gerichtsarchive aufbewahrt und bei feierlichen Festmahlen auf kaiserliche Gesundheit geleert wird. Diese beiden Begebenheiten liegen auch zu Grunde, wenn das Dorf Landeck vom Freiherrn von Hormayr das tirolische Grütli genannt wird.

Das Schloß zu Landeck ist ein stolzes, aus Bruchstein aufgeführtes Gebäude, schön gelegen auf einem Felsenschopfe, der aus dem Inn aufsteigt. Rechts und links an der Vorderseite ist der Bindenschild von Oesterreich aufgemalt, derselbe, von welchem weiland Michael Behaim gesungen hat:

Der schöne edle Wurzegart,
Durchsprengt mit rothen Rosen zart,
Der sieht gar unverhölzet;
Da mitten durch hat sich geschaart
Ein weißer Bach auf schneller Fahrt,
Der sich dadurch her wälzet.

Manches Gelaß in der Burg mahnt noch an die Zeit, wo die ritterlichen Pfleger zu Landeck hier oben saßen, zumal [206] die prächtige Vorhalle erinnert an jene Tage; auch etwa, doch mißliebiger, das Burgverließ. Die Stuben des Burggesindes lassen sich noch leicht unterscheiden von den Herrenkämmerchen. Mehrere von diesen sind obwohl in späterem Geschmacke getäfelt. Einige derselben werden bewohnt und dienen armen Leuten zum Unterschlu[p]f. Die Aussicht ist besonders lobenswerth. Die schönen Straßenzeilen des Dorfes, stufenweise übereinander, der grüne Fluß und die weißen Gebäude, die auf der Höhe des andern Ufers aus Büschen und Bäumen hervor scheinen, sind ein lustiger Vorgrund – drüben jenseits des Zusammenflusses der Sanna mit dem Inn steht der Burgstall von Schrofenstein im wilden Park und daneben, schon wieder auf ganz anderm Grunde, das alte Dorf zu Stans, erhaben auf seinem Berghang, dessen reicher Fruchtwald auf dem obern Plane verhüllend über die Dächer der Häuser gewachsen ist und kaum dem Kirchthu[r]m noch die Freiheit läßt hervorzuspitzen, während von der untern Halde der grüne Rasen weggespült und so die braune Erdwand zu Tage gekommen ist. In der Höhe überall kahle Hörner mit silbernem Scheitel.

Landeck ist übrigens ein lebendiger und wohlhabender Ort. Es gehen hier drei vielbefahrene Straßen auseinander – die eine über den Arlberg, die zweite nach Innsbruck, die dritte über Finstermünz nach dem Süden. Daher viel Geschäft mit Fuhrwägen und Reisenden und deßwegen auch drei große Gasthöfe, städtisch eingerichtet und mit allen erlaubten Bequemlichkeiten versehen. Urichs Haus und das Jäger’sche gehören zu jenen tirolischen Landwirthshäusern, in welchen die Leute freundlicher, die Bedienung besser, die Einrichtung anmuthiger und die Rechnungen billiger sind als in der Stadt. Die Landecker Post aber haben die reisenden Engländer in den Fremdenbüchern weit und breit dergestalt überschrieben und schlecht gemacht, daß sie wenigstens anglomanen Deutschen nicht empfohlen werden kann. Nosse bonos libros magna pars est eruditionis, schrieb einmal ein seliger Gelehrter, und so mag man auch einen großen Theil der Kunst angenehm zu reisen auf die Kenntniß von den guten Wirthshäusern zurückführen. Die Engländer, das praktische Geschlecht, das sonst Niemanden sorgfältiger aus dem Wege geht [207] als sich selber, äußert in dieser Beziehung wieder viel Zusammenhalten und weitläufigen Sinn, und wenn sie sonst nichts miteinander reden, so besprechen sie sich doch auf den Blättern der Fremdenbücher schriftlich und geben sich in ihrer heiligen Insularsprache Rath, welche Wirthshäuser zu meiden und welche aufzusuchen seyen, nicht immer zur Freude der Besprochenen. Diesen Gebrauch des Qualificirens in den Fremdenbüchern haben jetzt übrigens auch unsre Landsleute angenommen, verwenden ihn aber ganz verkehrt. Sie schreiben nämlich in ihrer offenen biedern Weise ihre Gesinnung gleich in das Buch des Wirthes selbst, desjenigen Wirthes nämlich, bei dem sie gegessen, getrunken und die Nacht verbracht haben, der ihnen auch zuschaut, während sie ihr Geheimniß in dem Buch veröffentlichen. Es ist unter diesen Umständen nicht zu verwundern, daß sie alle mit Bewirthung und Bedienung „ausgezeichnet zufrieden“ sind. Ist ein schönes Mädchen im Haus – und in Tirol ist dieß die Regel – so wird auch dessen in Ehren gedacht. „Ausgezeichnet zufrieden, besonders mit dem schönen Maidele“ – kann man alle Fremdenbücher des Lands unter eins gefaßt – wohl mehrere duzendmale lesen. Wenn sie dann ihre ausgezeichnete Zufriedenheit gar zu lecker darstellen, hat der Hausvater sofort nichts eiliger zu thun, als den Wonneruf wieder auszukratzen. Dieß ist die Geschichte der vielen Lacunen im Fremdenbuche zu Z***.

Zur Erklärung des schönen, reinlichen und herrenmäßigen Aussehens des Dorfes Landeck wollen wir indessen noch beifügen, daß in Tirol die Städte überhaupt dünn gesäet sind und daß sich namentlich auf der langen, gegen vierzig Stunden zählenden Straßenstrecke, die von Innsbruck über Finstermünz nach Meran zieht, zwischen diesen beiden Städten, das kleine Nestchen Glurns bei Mals ausgenommen, keine dritte findet. Diesen Umstand haben sich die Dörfer und Flecken zu Nutzen gemacht und sie versehen ohne Ringmauern in Handel und Wandel die Dienste ihrer zinnengekrönten Schwestern. Deßwegen findet man denn auch, wie wir vor kurzem bemerkt, in Tirol gar so viele schöne und wohlgestaltete Dörfer. Telfs, Silz, Landeck, Prutz, Nauders, Mals und die Orte des Vintschgaues haben alle dieses stattliche Ansehen. [208] Fahren wir nun, um schneller ins Oetzthal zu gelangen, am Inn hinab nach Imst. Der Fußweg auf dem rechten Ufer, der über liebliche Berghalden nach Schönwies führt, soll zwar noch um ein Gutes anziehender seyn als die Landstraße, es ist aber nicht möglich alle schönen Steige abzulaufen, und über die Straße selbst ragt die wilde Natur des Innthales mächtig genug herein, um uns mit dem, was wir sehen, zufrieden zu stellen. Bald kommt man nach Zams, welches noch in fruchtbarer, geräumiger, mais- und obstreicher Feldmark liegt und als die älteste Pfarre in weiter Gegend bekannt ist, von der noch jetzo vieler Dörfer Seelsorgen abhängen. Links über dem Inn hinter dem Weiler Letz in einer schaurigen Felsenhöhle tost ein herrlicher Wasserfall, den man nicht wie wir vorbeigehen soll. Dann sieht man, wie sich Kronburg erhebt, eine alte Veste, die einst den Starkenbergern gehörte und von Herzog Friedrich gebrochen wurde, noch in den Trümmern stolz und herrschend auf einem Felskegel, der selbst ungemein ernst und groß aus dem Thale aufsteigt, frei von allen Seiten und im schönsten Ebenmaße vom breiten Fuße zum spitzen Haupte sich verjüngend. Lange will sich das Auge nicht von dieser Erscheinung abwenden, von dem gekrönten Berge, der wie ein Fürst in der Landschaft sitzt, drohend und Verehrung heischend. Die Gegend ist sonst hier herum wild und enge; scharfe Wände stehen am Wege, Wasserfälle schäumen herunter. Erst allmählich bildet sich wieder breiterer Thalgrund, in dem sich leider auch der Inn mehr gehen läßt und oft überfluthend viel weiter greift als er soll. In solcher fruchtbaren Fläche liegt ein freundliches Dorf, Mils benannt, und diesem gegenüber das Dörfchen Untersauers, welches, wie Staffler bemerkt, eine Colonie von Landfahrern ist, die meistens nur dort verweilen, um von ihren Zügen auf einige Zeit auszuruhen. Diese Landfahrer oder Lahninger, Dörcher, wie man sie jetzt gewöhnlich nennt, sind ein seltsamer Schlag von Leuten, und führen ein abenteurliches Leben. Sie kommen hauptsächlich im Oberinnthale, etwa von Imst aufwärts bis gegen Nauders vor. Ihr eigentliches Wesen ist, daß sie das ganze Leben in der Welt herumfahren und mit Obst, Geschirr und andern kleinen Waaren handeln. Viele [209] besitzen keinen eigenen Herd, um sich zur Ruhe zu setzen, die reichsten nur ein kleines Häuschen. Ihr Fahrzeug ist ein Karren, den sie selber ziehen, wenn nicht ein Eselchen oder eine abgejagte Mähre aushilft. Der Lahninger, der arme Mann, will aber nicht allein in der Fremde herumfahren; er sehnt sich nach einem süßen Weibe, nach einem freundlichen Augentrost, und manchmal scheint er recht glücklich zu seyn in seinem Werben, denn man sieht mitunter ganz hübsche Frauen vorgespannt. Solchen Verbindungen steht übrigens die weltliche Behörde zumeist entgegen, in Berücksichtigung der Armuth und des unsichern Erwerbsstandes der Brautleute. Da soll’s denn manchmal vorkommen, daß sie nach Rom pilgern und sich am Grabe der Apostel trauen lassen. Neu vermählt kommen sie ins Vaterland zurück, zeigen der Behörde päpstliche Briefe und Siegel vor, werden aber, da sich diese nichts darum kümmert, gleichwohl mit Gefängniß und Ruthenstreichen bestraft. So bringt das Dörcherpaar in der Haft seine Flitterwochen zu, welches Leiden sie aber nur noch fester zusammenkittet, so daß sie das ganze Leben nicht mehr von einander lassen und auf allen Heerstraßen mit vereinten Kräften an dem Karren schieben. Gewöhnlich sind sie auch reich mit Kindern gesegnet – die Säuglinge erhalten ihre Wiege unter dem Dache des Wagens, die Erwachsenen ziehen selber mit und bilden später wieder neue Dörcherfamilien. Manche davon sind am Wege hinter den Haselstauden auf die Welt gekommen. Es ist ein eigener Anblick, diese Geschlechter, oft zu sechs und acht Personen vornen und hinten ziehend und schiebend an der fahrenden Stiftshütte, ihrem Besitz, ihrem Schatzkasten und zum Theile ihrer Wohnung, etwa einmal mit sorgenvollen, trüben Blicken, hin und wieder auch, wenn die Zeiten gut sind, guter Dinge und voll frohen Muths.

Wenn man von Mils etwa eine Stunde in der schönen Niederung fortgefahren, geht’s noch einmal über einen steilen Berghang und allgemach zeigt sich dann der große Flecken Imst, Hauptort des Oberinnthales, Sitz der Behörden und andrer angesehenen Leute. Gleich rechts vom Flecken geht der prächtige Tschirgant in die Höhe, hier wie eine ungeheure [210] Pyramide anzusehen, ein höchst eindrücklicher Klotz. Zu seinen Füßen steht sehr anmuthig der schlanke Kirchthurm von Karres.

Imst ist ein gut gebauter Flecken, aber ohne erhebliche Merkwürdigkeiten. Angenehm ist ein Spaziergang auf den Calvarienberg, auf dessen vorderster Höhe ein Kirchlein des heiligen Johannes steht mit offener Aussicht über den Markt und seine bergige Umgebung.

Dieser Flecken besaß im vorigen Jahrhunderte großen Ruf als der Sitz des tirolischen Vogelhandels, der einst auf Moorfieldsquare zu London seine Niederlagen hatte und auch im Orient und zu Konstantinopel seine Sänger auf den Markt brachte. Seine Gönner in England gingen so weit die Kanarienvögel der Tiroler selbst über jene der canarischen Inseln zu erheben. Alle übrigen Kanarienvögel, behaupteten sie, sängen wie Heidelerchen, die tirolischen aber wie Nachtigallen. Letzteren allein sollte jener seelenerhebende Zug Philomelens glücken, den die Engländer jug nennen. Zur Erklärung dieses Talents nahmen die britischen Naturforscher sogar ihre Zuflucht zu der Hypothese, daß die meisten der aus Tirol eingeführten Kanarienvögel von Eltern erzogen worden seyen, deren Ahnen den Gesang bei einer Nachtigall gelernt. Uebrigens ist dabei zu bemerken, daß die wenigsten der von den Tirolern verhandelten Vögel in Tirol zur Welt gekommen waren, denn die Mehrzahl wurde erst in Schwaben angekauft, wo zu damaliger Zeit die Gärtner zum Besten der reisenden Händler große Vogelhecken unterhielten.

Die meisten Begebenheiten des Spindler’schen Vogelhändlers spielen in der Gegend von Imst. Auch die Art und Weise, wie dieser Handel betrieben wurde, ist in jenem Romane nach den Angaben alter Leute, welche bald nur mehr als Sage fortleben werden, glücklich und anziehend geschildert, der treffliche Name Tammerl aber, den der ehrenwerthe Vogelhändler, Seraphins nachmaliger Schwiegervater, führt, ist jedenfalls einer Firma in Zams entlehnt, wo eine Baumwoll- und Seidenzeugfabrik unter dem Schilde: Tammerl und Comp. zu finden ist. Früher waren überhaupt noch bessere Jahrgänge für [211] die oberinnthalische Metropole – es war da einmal auch viel Bergsegen und großer Gewerbfleiß. Jetzt ist die Kanarienzucht aufgegeben, der Bergsegen eingegangen und der Gewerbfleiß, der sich in einigen Fabriken bethätigt, ist auch nicht mehr so einträglich als zu andern Zeiten. Dazu kommt noch daß am 7 Mai 1822 der ganze Markt von 220 Häusern bis auf 14 abbrannte. Dieß hat die Imster völlig arm gemacht und es ist eine Frage, ob sie sich je wieder in die alte Blüthe hineinarbeiten werden. Sonst zeigen sie viele schöne Anlagen, insbesondere für die Kunst. Staffler macht acht Eingeborne namhaft, die als Bildhauer und Maler gelebt und sowohl inner als außerhalb ihres Vaterlandes Anerkennung gefunden haben. Darunter ist der neueste Aloys Martin Stadler, zu München, zu Neapel und Rom gebildet, wohlbekannt wegen manches schönen Altarblattes, das er in tirolische Kirchen gemalt.

Lassen wir nun den Flecken um wieder weiter zu ziehen. Man muß erst auf der Landstraße hoch hinaufsteigen, nach Karres wo die niedliche Kirche steht, deren dünner gothischer Thurm so fern ins Land hineinschaut. Von da sieht man ins Pitzthal, das weit hinten von grausem Gletscher beschlossen wird, und ebenso erschaut man den grünen Rücken des breiten Venetberges, der voll milder Alpen und schöner Forste ist und aus der Gegend von Landeck herüberreicht bis an den Pitzabach, welcher bei Karres in den Inn fällt. Unterhalb dieses Dorfes geht der Weg ins Oetzthal von der Landstraße ab. Diese selbst würde uns in fünf Stunden dem Inn entlang nach Stams führen, nach dem ansehnlichsten und reichsten, wiewohl jüngsten der tirolischen Stifter. Es ist im Jahre 1272 gegründet worden von jener Elisabeth, der Mutter Conradins, und ihrem zweiten Eheherrn, dem Grafen Meinhard von Tirol, als Gedächtnißmal zur frommen Erinnerung an den letzten Hohenstaufen, der zu Neapel enthauptet worden. Die Cistercienser- Abtei zu Stams ward, wie Freiherr von Hormayr sagt, das St. Denys der tirolischen Fürsten. Die Görzer und die früheren Habsburger, Herzog Friedrich mit der leeren Tasche und Sigmund der Münzreiche sind da begraben mit ihren Frauen und Kindern. Im Jahre 1552 wurde das Kloster [212] durch die Kriegshaufen des Herzogs von Sachsen verwüstet und selbst der Gräber nicht geschont; deßwegen ist auch an Altertümern nur wenig mehr vorhanden.

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Veröffentlicht von josefauer.com

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