Große Umwälzung stand bevor! Näher und näher rückte die Eisenbahn, kam der Siegeszug der Lokomotive. Im Pustertale war ein ganz anderes Leben. Frau Emma freute sich, dass die Trasse so oft über ihren Grund ging, man zahlte gut; sie rechnete und wusste durchzudringen, dass es für jedes ihrer Kinder 1000 Gulden traf, somit 6000 Gulden. Die meisten Niederdorfer gaben gerne etwas Grund her, aber nicht alle.
Einer der hervorragendsten, reichsten Bürger hatte sein Haus so nahe an der projektierten Linie, dass es weg musste, abgetragen werden sollte. Aber er verstand sich nicht zu einer Ablösung, „um keinen Preis“. „So bauen wir Ihnen ein anderes, genau nach dem Modell des alten und Sie haben ein ganz neues Gebäude kostenlos.“ „Und ich geb’s nicht her!“ „Dann wird es enteignet.“ „So, das möchte ich sehen!“
Alle Versuche zu einer gütlichen Einigung scheiterten. So wurde das Haus entzweigeschnitten, zur Hälfte abgetragen; die nördliche Front konnte stehen bleiben, nachdem sie vorschriftsmäßig für die nächste Nähe der Bahn feuer- und funkensicher adaptiert war. Natürlich kam der zu konservative Besitzer schlecht genug davon. Wollte er es aus einen Prozess ankommen lassen, so kostete es ihm manche Reise nach Wien und der Ausgang desselben war vorauszusehen. Gegen eine solche Korporation wie die Bahnbaugesellschaft konnte selbst der Krösus des Pustertales nicht aufkommen. — Und was war sein Racheakt? Niemand von den Seinen sollte je die Bahn benützen; sie hatten ja Pferde. Er blieb dabei, seine Frau notgedrungen, aber seine Söhne und Töchter konnten als Geschäftsleute seinen Racheplan nicht einhalten.
Während des Eisenbahnbaues schwärmte es im Pustertale von Ingenieuren, viele davon kamen gerade vom Bau des Suezkanales zurück. Alle frequentierten das Gasthaus der Frau Emma. Sie hatte es auch diesen wieder, wie jedes Mal den Herren Offizieren, angetan und trachtete immer, das Beste bei niedrigen Preisen zu geben. Die einen und die anderen zahlten es ihr reichlich zurück, indem sie ihren Namen in die Welt hinaustrugen.
Im Allgemeinen aber erblickten die Pustertaler in der Eisenbahn einen manches erleichternden Fortschritt und fanden, dass gegen die neue Einrichtung als billiges, bequemes Verkehrsmittel nichts einzuwenden sei, stellten sich auch in ihren Betrieben darnach um. — Und die übermütigen Niederdorfer kamen in weinseliger Laune zum Schalter: „Was haben alsdann wir für die Fahrkarten zu zahlen? Den Dampf bringen wir selber mit!“ — Auch das berüchtigte „Toblacher Feld“ hatte nun im Winter seine Schrecken verloren. Wehe dem Reisenden in früherer Zeit, wenn ihn dort die Dunkelheit bei Schneetreiben überraschte! Spediteur Josef Mayr, welcher häufig von Niederdorf nach Innichen unterwegs war, erzählte, wie er sich einmal in der Nacht bei Sturmgebraus nur dadurch rettete, dass er noch das „Raderstöckl“ (eine Feldkapelle) ausfindig zu machen im Stande war und die Zeit bis zum Morgengrauen darin zubrachte, fest entschlossen, um nicht zu erfrieren, sich von den Heiligenstatuen des Kirchleins Feuer zu machen (als Raucher hatte er Feuerzeug bei sich): jedoch zu diesem Äußersten kam es nicht.
Josef Hellenstainer, in einer ähnlichen Lage, war mit seinem Schlitten von der Straße abgekommen und konnte sich in der Finsternis um keinen Preis mehr zurechtfinden. Wie auch sich orientieren?
Der Sturm fegte eine Stelle rein, während er anderswo den Schnee in viele Meter hohe Haufen zusammentrug, alle Zäune waren unter der weißen Decke verschwunden und Telegraphenstangen gab es damals noch nicht. Doch auch eine solche Schreckensnacht nimmt einmal ein Ende; in der Frühe sah er dann an den Spuren seines Gefährtes, dass er eigentlich immer nur einen Kreis geschrieben hatte. Von jetzt an legte man diesen Weg bequem und behaglich im warmen Kupee zurück.
Allerdings hatte auch die Bahn auf dieser Strecke bei hohem Schnee arg zu kämpfen und mussten Leute zum Ausschöpfen der Geleise aufgeboten werden. Eines Morgens waren die zwei Brüder Kraler, zwanzigjährige Burschen aus Gratsch, an diese beschwerliche, aber reichlichen Verdienst bringende Arbeit gegangen; die Bahnverwaltung zahlte gut. Es herrschte furchtbares Stürmen, Tosen und Brausen. Unerwartet nahte eine Lokomotive.
Der Führer derselben sagte zu seinem Gefährten: „Du, pass auf! Wir müssen Hunde überfahren haben; hörst du sie winseln?“ — Die Maschine hatte die armen Schneeschaufler zerstückelt! Die Ohren gegen die Kälte zugebunden, überhörten sie das Signal; durch das Zwielicht und die wirbelnden Schneeflocken an jedem Ausblick gehindert, mag ihnen im letzten Moment durch die Schneemassen ein Ausweichen unmöglich gewesen sein. — Stellt euch den Jammer in deren Heim vor! Der alte Vater war nie mehr zu trösten, obgleich ihn sieben blühende Töchter umstanden, er weinte sich blind (buchstäblich zu verstehen). Die Mutter, ein starkmütiges Weib, konnte sich wieder fassen, oblag ihr doch die Sorge für Haus und Familie. — Das waren die ersten Opfer der neuen Einrichtung.