Frau Emma Hellenstainer und ihre Zeit – Der schwerste Schlag

Drei Töchter und zwei Söhne, der jüngste, Hermann, noch nicht zwei Jahre alt, wurden von ihrem Sommeraufenthalt im Schacherhofe abgeholt; die Älteste war schon zu Hause tätig. Die Mutter empfing die Kinder weinend mit den Worten: „Geht nach Aufkirchen zur Mutter Gottes für den Vater beten, er ist schwer krank“. Die Anfänge seines Leidens verbergend, nicht beachtend, konnte er sich jetzt von seinem Krankenlager nicht mehr erheben. Emma pflegte ihn Tag und Nacht. Als sie eine Wärterin berufen wollte, wehrte er ab mit den Worten: „Meine Liebe, tue mir das nicht an, ich brauche ja so wenig“. Aber es ging wirklich nicht und sie berief eine Pflegerin.

Bei dem heutigen Stande der Wissenschaft wäre Josef wohl zu retten gewesen, aber sein Leiden wurde von den damaligen Ärzten nicht richtig erkannt, obwohl Frau Emma diese von weither kommen ließ. Nur ein altes Weiblein, aus der Brixner Gegend, die Nagnerin, zu der die Frau in ihrer Verzweiflung schickte, gab den Bescheid: „Dem Herrn fehlt’s an der Niere und er leidet große Qual“. Die Obduktion der Leiche ergab die Richtigkeit der Diagnose. Ach, was war das für ein harter Abschied, als dieser Edle für immer die Augen schloss… Frau Emma musste nun den geliebten Mann allein lassen, konnte ihm nichts mitgeben als ihre Tränen. Drei selbstgesponnene, seidene Taschentücher legte sie in den Sarg.

Am liebsten wäre sie selbst hinuntergestiegen ins Grab. Aber die sechs Kinder, die mit den Augen des toten Vaters sie liebeheischend anblickten, machten sie stark für ihr nunmehr so hartes Los. Andere Witwen konnten sich ihrem Kummer hingeben — sie aber konnte es nicht — es lastete zuviel auf ihren Schultern. Die fernere Erziehung der Kinder, die Älteste erst vierzehnjährig, zwanzig Pferde im Stall, und was noch mehr Sorge machte, Kutscher und Fuhrknechte dazu. Es hieß das Übernommene weiterführen, im Herzen die große Trauer. Die gegenseitige Liebe war unbegrenzt gewesen, konnte doch die Witwe versichern, es sei ihr von Josef nicht nur nie ein hartes, sondern nicht einmal ein unhöfliches Wort gegeben worden. Groß war auch die Bürde, welche die Verlassene zu tragen hatte. Es galt die Führung des Wirtsgeschäftes, der Ökonomie, des Stellwagen- und Fuhrwerkbetriebes. Josef war vor seiner Erkrankung daran geschritten, das Haus um ein Stockwerk zu erhöhen; das konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden, Emma musste den Umbau nun selbst und allein ausführen. Nicht viele Frauen hätten das zu leisten vermocht und nirgends war ein Rückgang bemerkbar.

Ihr unermüdliches Schaffen war aber auch von Erfolg begleitet. Das Haus erlangte immer mehr Bedeutung als Aufenthalt für Erholungsbedürftige und Sommergäste. Wo es galt, zur Verschönerung des Dorfes beizutragen, war Frau Emma immer voran; sie pflanzte und ließ Bäume setzen, sie sorgte für tadelloses Fuhrwerk, kurz sie war eine von den Wenigen, die, als sich der Fremdenstrom nach Tirol zu wenden begann, wusste, dass man auch etwas bieten müsse, um den Verkehr herbeizuführen.

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Veröffentlicht von josefauer.com

Archivbilder und Genealogie

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