Zu früher Tod

Ein Ultner kam auf seinem Heimweg beim Weißbrunnen unter die Lawine und ging zugrunde. Auf dem Bauerngute, wo er früher als Knecht gedient hatte, wurde er bald vergessen und die frühere Fröhlichkeit kehrte wieder.

An einem Winterabend, als die Dienstboten beim Kartenspiel saßen und sich aufs beste unterhielten, wurde auf einmal hinter dem Ofen ein Weinen gehört. Man ging hin, um nach dem Weinenden zu sehen, und fand zu nicht geringem Erschrecken den Knecht, der unter die Lawine gekommen war. Man entschloß sich, ihn anzureden und fragte, warum er denn noch auf der Welt umgehe, ob er vielleicht jenseits keinen guten Ort erreicht habe. Der Geist antwortete: „Ihr lacht und scherzt, und ich muß so armselig auf der Welt umgehen, bis meine Lebenszeit aus ist. Denn als ich von der Lawine erwischt wurde, waren meine Tage noch nicht zu Ende, und ich muß jetzt, obwohl mein Leib schon faul ist, noch auf der Erde bleiben und erst erwarten, was für ein Gericht über mich ergehen wird. Wohl oft gehe ich beim Weißbrunnen vorbei – an dem Ort, wo mein Leib verlahnt und verfault ist. Ihr aber seid doch so gut und laßt mir die Nacht hindurch manchmal ein Licht brennen, weil ich sonst gar so traurig hier sitzen muß.“ So sagte der Geist und verschwand in dem Augenblicke, als er seine Rede geendet hatte. (Ulten.)

Quelle: Zingerle, Ignaz Vinzenz, Sagen aus Tirol, 2. Auflage, Innsbruck 1891, Nr. 322, S. 193

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Veröffentlicht von josefauer.com

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