Das Bettelweib auf der Jaufenburg

Die Herrschaft vom Schloß Tirol war nach Gereut im Passeiertal in die Sommerfrische gegangen und veranstaltete dort im Königssaal ober dem Schildhof Untergereut oder Baumkirch ihre Tanzunterhaltungen. Dazu war nun einmal auch die Herrschaft der Jaufenburg eingeladen worden. Bevor aber diese das Schloß verließ, trug die Herrin von Jaufenburg ihrer Köchin auf, um die und die Stunde das Nachtmahl bereitzuhalten, denn da würden sie wieder zurückkommen.

Die Köchin besorgte rechtzeitig das Abendessen, aber die Herrschaft wollte nicht kommen. Eben schlug es zwölfe in der Nacht, und noch war niemand zurück. Da klopfte es an das Tor. Das Gesinde glaubte, es wäre die Herrschaft, und das Tor wurde sogleich geöffnet. Aber da humpelte ein meeraltes Weiblein herein, welches kein Wort sprach, jedoch mit den Händen deutend um eine milde Gabe flehte. Die Köchin gab der Alten ein großes Stück Brot und Käse, aber das Weiblein gab durch Deutung zu verstehen, daß dies nicht die Gabe sei, welche sie wünsche. Darauf bot ihr die Köchin ein Stück Braten an, hernach eine Mehlspeise, aber auch das wies die Alte zurück. Nun wurde es mit den übrigen Speisen versucht, die auf dem Herde waren, doch das Weiblein deutete immer abwehrend. „Jetzt“, sagte die Köchin, „weiß ich nicht, was die Alte möchte; ich habe nichts mehr als Holz und Feuer.“ Und weil sie das Weib ärgerte, nahm sie eine Herdschaufel voll glühender Kohlen und reichte diese der Alten hin. Das Weiblein war über die Maßen froh, ließ sich die Kohlen in ihre Hände schütten, nickte dankbar lächelnd und verschwand.

Quelle: Heyl, Johann Adolf, Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, Brixen 1897, S. 481

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Veröffentlicht von josefauer.com

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