Pestfriedhöfe und Pestkapellen in Tirol

Erinnerungen an die Pest in Tirol von 1634

Verfasst von Franz Schumacher und erstmals veröffentlicht 1934

Wie schon im Aufsatze über die im Herbst 1634 in Innsbruck aufgetretene Pestkrankheit (siehe Tiroler Anzeiger Nr. 184, 185, Innsbrucker Nachrichten Nr. 187) hervorgehoben wurde, breitete sich damals die Pest auch über viele Tiroler Landgemeinden aus. Sie forderte in einzelnen Dörfern sogar verhältnismäßig mehr Opfer, als in der Stadt, und war von längerer Dauer. Besonders schwer betroffen waren das Außerfern und das Oberinntal und namentlich der Bezirk Telfs. In Telfs selbst starben laut den von J. Schweinester aus dem dortigen Pfarrarchiv gesammelten Notizen („I. Z.” vom 4. August d. J.) 200 Personen und der Ort war durch 6 Monate von allen Nachbargemeinden abgesperrt.

Gleich lange Zeit musste, wie in Sinnachers „Beiträgen” berichtet wird (Teil VIII, S. 402), die Gemeinde Oberhofen das Schicksal der Absperrung ertragen; 120 Menschen wurden ein Opfer der Krankheit. In Pfaffenhofen starben an der Pest innerhalb dreier Monate 67 Personen, in Polling sieben. In Prutz soll beinahe die ganze Gemeinde samt dem Pfarrer ausgestorben sein. Sporadisch trat die Seuche auch in Südtirol auf. Nach einem vom Dekan zu Stilfes an das Brixener Konsistorium im Dezember 1634 erstatteten Berichte (Sinnacher a. a. O. S. 400), erlagen in MauIs 83 Personen der Seuche. Sie wütete dort so heftig, dass vier Totengräber nacheinander von der Krankheit dahingerafft wurden. Der Kurat Zacharias Lang, der sich aufopferungsvoll seiner Seelsorgskinder annahm, allen Erkrankten die Beicht hörte und ihnen Wegzehrung spendete, mußte 28 Verstorbenen, weil kein Totengräber mehr da war, persönlich den letzten Liebesdienst tun, die Leichen zur Kirche tragen und ihnen mit Hilfe des Dorfbarbiers das Grab schaufeln.— Merkwürdig war das Auftreten der Pest in einem weltentlegenen Winkel des Villgratentales, im Dörfchen Kalkstein, das wenig mehr als ein Dutzend Häuser zählt und wo binnen zwei Monaten 31 Personen starben. Ortsbewohner, die nach Alt-Ötting eine Wallfahrt unternommen hatten, sollen die Krankheit eingeschleppt haben.

Es ist klar, dass bei der zunehmenden Ausbreitung der Krankheit und der großen Ansteckungsgefahr die Bevölkerung des ganzen Landes von Schrecken erfüllt wird und den Himmel bestürmte, dass der gnädige Gott dem Hebel, wo es schon eingerissen, Einhalt tun und die Orte, die noch davon frei waren, von dem Unheil bewahren möge. In diesem Sinne wurden von sehr vielen Gemeinden fromme Gelübde gemacht. Namentlich zu den „Pestheiligen” St. Sebastian und St. Rochus und in der näheren Umgebung von Innsbruck auch zum heiligen Pirmin fasste man Vertrauen und versprach, um ihre Fürbitte in der großen Not zu erlangen, die Erbauung von Andachtsstätten zu ihrer Ehre. Die Verehrung des heiligen Pirmin dürfte besonders von den Patres Jesuiten gefördert worden sein, die zu jenen Zeiten vielfach Aushilfe in der Landseelsorge leisteten und sich namentlich bereitwillig als „Pestkapläne” gebrauchen ließen.

Die Gebeine des heiligen Pirmin, eines rheinischen Glaubensboten (gestorben 754), befanden sich nämlich (und befinden sich heute noch) in der Jesuitenkirche zu Innsbruck.

So kommt es, dass man heute in Tirol und ganz besonders im Oberinntale und Außerfern viele dem genannten Heiligen geweihte Kirchen und Kapellen antrifft, die ihre Entstehung den in der Pestzeit um 1634 von den Gläubigen gemachten Gelübden verdanken.

An manchen Orten steht die Gründung solcher Andachtsstätten auch mit den Pestfriedhöfen in Zusammenhang, die damals angelegt wurden.

Die Regierungsbehörden drangen nämlich darauf, dass in jeder Gemeinde, die von der Pest bedroht war, „in eventum”, d. h. für den Fall, dass die Pest wirklich einreiße, ein „Pest-Freythof” außerhalb der geschlossenen Ortschaft bereitgestellt werde. Mit der geistlichen Behörde war die Regierung übereingekommen, dass diese Friedhöfe vorläufig von den Ortspriestern benediziert werden können, worauf dann später in gesicherten Zeiten die ordentliche Konsekration durch den Weihbischof nachfolgen würde.

Von Pestfriedhöfen, die damals am Lande angelegt wurden und an die noch heutzutage größere und kleinere Kirchen und Kapellen erinnern, seien folgende erwähnt:

Der Pfarrer zu Ampass, der für seinen Fleiß vom Brixener Konsistorium eigens belobt wurde, legte den Pestfriedhof östlich von der geschlossenen Ortschaft beim Weiler Häusern an, wo heute noch die (jetzt dem Kriegerbunde gehörige) Kapelle daran erinnert.

In Amras befand sich der Pestfriedhof nördlich vom Dorfe außer dem Weiler Panzing. Die Stelle ist gegenwärtig durch eine kleine Kapelle gekennzeichnet. Sie steht auf der letzten Bodenwelle, ehe die Senkung beginnt.

In Axams wurde der Platz für den Pestfriedhof gleich außerhalb des Dorfes gegen Omes hin bestimmt. Auf diesem Platze wurde dann, da Axams und Sellrain von der Pest verschont blieben, aus Dankbarkeit die Lindenkapelle zum heiligen Sebastian erbaut (heute «och bestehend).

In Telfs wurden die in den Jahren 1634 und 1635 an der Pest Verstorbenen auf dem bei der Kirche St. Moritzen neu angelegten Friedhofe begraben. 20 Jahre nachher, am 13. September 1656, erhielt dieser Gottesacker durch den Brixener Weihbischof Jesse Perkhofer nachträglich die Konsekration.

In Landeck befand sich der Pestfriedhof „im Burschl”. Nach dem Aufhören der Pest, die hier besonders stark und lang auftrat, wurde am Orte des Friedhofes das heute noch bestehende, den Heiligen Sebastian, Rochus und Pirmin geweihte Kirchlein erbaut. Im Jahre 1648 wurde in dem noch nicht vollendeten Bau vom Weihbischof Perkhofer ein Altar geweiht. (Die Weihe der ganzen Kapelle erfolgte erst in den Fünfzigerjahren des 17. Jahrhunderts.)

In Strengen wurden bei der uralten Sankt- Martins-Kapelle die aus der Kuratie Grins an der Pest Verstorbenen begraben. Nach Aufhören der Seuche wurde das Kirchlein 1636 erweitert, 1637 durch Weihbischof Anton Crosini geweiht. (Eine selbständige Seelsorge wurde hier erst 1654 errichtet.)

In Polling wurde anfangs 1635 ein Pestfriedhof ausgesteckt und dortselbst mit dem Bau einer Ka­ pelle zu Ehren des heiligen Rochus begonnen. Diese heute noch bestehende Kapelle wurde 1679 eingeweiht.

Ehrwald war zur Pestzeit noch ohne Kirche. Seelsorglich gehörte der Ort zur Kuratie Lermoos. Aber ein Pestfriedhof wurde auch hier angelegt, auf welchem Opfer der Pest begraben wurden. Vier Jahre nachher wurde an dieser Stelle eine Kirche zu Ehren Mariä Heimsuchung erbaut, die samt dem Gottesacker im Jahre 1648 durch Weihbischof Perkhofer benediziert wurde.

In Lermoos fand zur selben Zeit die nachträgliche bischöfliche Weihe eines aus der Pestzeit stammenden Gottesackers statt. Nahe daran war eine Kapelle zu Ehren des heiligen Martin erbaut worden, die gleichzeitig geweiht wurde.

Ohne dass der Zusammenhang mit einem Pestfriedhofe genau bestimmt werden kann, befinden sich kirchliche Gedächtnisstätten an die Pest des Jahres 1634 in folgenden Orten:

Zwischen Reutte und Breitenwang steht auf freiem Felde die Rochuskapelle, den Heiligen Sebastian und Rochus geweiht, die wegen der Pest errichtet wurde. Im Jahre 1654 wurde die Erlaubnis erteilt, darin Messe lesen zu dürfen.

In Serfaus steht eine Gelöbniskirche aus der Pestzeit, dem heiligen Sebastian geweiht, in Muiren, erbaut 1635, benediziert 1637.

In Silz wurde im Jahre 1634, als das benachbarte Telfs von der Pest schwer heimgesucht war, von der Gemeinde zu Ehren der Heiligen Sebastian, Rochus und Pirmin „im Anger”, d. i. in den Feldern nahe am Inn. ein Kirchlein erbaut. Am 12. September 1656 erfolgte die bischöfliche Einweihung.

In Stams entstand aus der gleichen Ursache eine Kapelle zu den Heiligen Rochus und Sebastian im Weiler Tannrain. Der 1635 erfolgte Bau einer Kirche in Mötz (der ersten, die überhaupt dort gebaut wurde) ist gewiß auch auf die Schrecken der Pest zurückzuführen. Wie die Gemeinde Mötz, so erhielt auch Schnann seine erste Kirche (heute erweitert) zu jener Zeit, als die Pest drohte; bezeichnenderweise ist sie dem heiligen Rochus geweiht.

Ähnlich verhält es sich mit der Kirche in Weißenbach, die zum Andenken an die Pestzeit auf den Namen des heiligen Sebastian geweiht wurde. Eine Sebastianikapelle aus der Pestzeit befindet sich auch in Tannheim. Die nahen Orte Schattwald und Zöblen sowie Wängle sollen gleichfalls Erinnerungsstätten an jene traurige Epoche besitzen.

In Kalkstein (Innervillgraten) erbauten die nach Aufhören der Pest noch übrig gebliebenen wenigen Ortsbewohner infolge eines gemachten Gelöbnisses eine Kirche (früher war keine im Ort) die zu Ehren Maria Schnee im Jahre 1660 geweiht und später eine Wallfahrtskirche wurde.

Der fromme Sinn der Tiroler zeigte sich anlässlich der schweren Heimsuchung, die das Land getroffen, außer in der Erbauung von Kirchen und Gedächtnis» Kapellen auch in der Einführung oder Wiederbelebung von Sebastiani-Bruderschaften. Ein besonderes Beispiel hiefür bietet Telfs, wo soeben dar 300-jährige Jubiläum der Bruderschaft feierlich begangen wurde. Die Stadt Hall machte das Gelübde, das Fest des heiligen Sebastian fortan als gebotenen Feiertag zu begehen, was der Fürstbischof Wilhelm von Welsperg mit besonderer Freude zur Kenntnis nahm.

Sinnacher, dessen „Beiträgen” viele der oben gemachten Angaben entnommen sind, bemerkt im Rückblicke auf die im Jahre 1634 ausgebrochene Pest und auf die aus diesem Anlasse erfolgte Erbauung von Kapellen und die Einführung frommer Bruderschaften und Andachten in Tirol, „dass Gottes liebreiche Anordnung durch diese Geißel an sehr vielen Orten auch sehr viel Gutes erwecket habe”. Jetzt, wo 300 Jahre seit jener Zeit verstrichen sind, wird man in den Gemeinden, die damals betroffen oder bedroht waren, diese Worte dankbaren Herzens bestätigen können.

Ein Kommentar zu “Pestfriedhöfe und Pestkapellen in Tirol

  1. Hallo, ich suche gerade ein Bild und bin auf Eure Seite gestoßen. In Wildermieming gibt es auch eine Pestkapelle – Rochuskapelle im Westen ca. 300m außerhalb des Dorfes. Vielleicht haben sie ja ein altes Foto davon. Vielen Dank

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