Drei Sommer in Tirol – Der Krimmler Tauern

von Ludwig Steub

zum Inhaltsverzeichnis

Die Aussicht von der Platte ins Pinzgau hinunter wird viel gepriesen, wir hatten aber wenig Genuß davon, da auf den schönen Morgen ein düstrer Abend gefolgt war und der Himmel sich mit schweren Wolken überzogen hatte. Diese lagen [579] uns allen zum herben Verdruß über den Tauern, ihren Gletschern und ihrer Pracht, zogen sich weit herunter ins Thal und trübten auch seine Schönheit. Etliche Dörfer sahen wir wohl und einen schlängelnden Fluß, etliche Wäldchen und weite Auen, aber alles grau gefärbt und kümmerlich beleuchtet. Bald darnach hörten wir auch das Rauschen der Krimmler Ache und sahen eine halbe Stunde weit zur Rechten auch die drei berühmten Fälle dieses Baches; denn die Nebel hatten sich eben etwas davon zurückgezogen und Spalier gebildet, um uns zwischen durch auf die Cascade sehen zu lassen. Es war auch gut, denn wie sich später zeigen wird, so durften wir froh seyn, den Fall wenigstens von Ferne in unbewölkter Größe gesehen zu haben.

Weniger trübselig als die Gegend an diesem Abende war die Aufnahme im Wirthshause, wo wir gleich das Vergnügen hatten die liebenswürdige Traudl kennen zu lernen, ein höchst achtbares Mädchen von einem besonders glücklichen Aussehen und einer Laune so frisch und heiter, wie wir sie selbst im Zillerthale nicht gefunden. Sie ist des Wirthes Tochter und hat recht brave Eltern, welche das Kind in der Familie Gertl nennen, denn Traudl, behaupten sie, sey eigentlich zu vornehm für eine schlichte Pinzgauerin und das Töchterlein bekenne sich zu diesem Namen nur gegen gebildete Fremde. Auch eine sehr hübsche Aushelferin war zur Hand mit Namen Rosi, die diesen Abend in den fremden Ankömmlingen noch viele Rosen der Sehnsucht erblühen ließ. Aber Annel, die Dritte, legte sich wohl auch in jedem Herzen ihr eigenes Gärtchen an, denn sie war so lieblich und so fein, und wenn alle drei beisammen standen, wußten überhaupt die vier oder fünf Parise nicht, welcher sie den Apfel reichen sollten. Gertl war die geistreichste, aber die sprödeste und glich in vielen Stücken der Göttin der Weisheit, die andern beiden dagegen waren ohne Widerrede zwei Venusinnen auf einmal.

Wenn nun vier Studenten ins Pinzgau kommen und gleich im ersten Wirthshause eine Tochter und zwei Schenkmädchen kennen lernen, welche schon im ersten Augenblicke den glücklichsten Eindruck machen, so läßt sich denken, daß die [580] Freude nicht gar klein ist. Es verstand sich daher fast ohne Verabredung, daß wir den Abend mit allen Genüssen anständiger Geselligkeit auszuschmücken gedachten und den Anfang nur so lange verschoben, bis wir das Nachtmahl eingenommen hatten. Nachdem aber dieses geschehen, zeigte sichs welcher Vortheil uns der Umstand brachte, daß wir verschiedenen deutschen Völkerschaften angehörten, denn wenn die bayerischen Studenten nicht dabei gewesen, so hätten wir nicht die schönen Alpenlieder gehört, die der eine, der treffliche Jodler, mit den drei Mädchen zusammensang, unter süßer Begleitung der Zither, welche Gertl so weich, so wehmüthig und so fröhlich zu spielen wußte – und hätten wir die Sachsen nicht gehabt, so wären die Bayern wahrscheinlich nicht auf den Gedanken verfallen, von Traudl und ihren Freundinnen pinzgauerisch tanzen zu lernen, um so weniger, als sie’s schon konnten, da es nichts anderes ist, als was sonst ländlerisch oder bäuerisch genannt wird, der eigentliche Tanz der Alpen nämlich, wobei Bue und Mädel nicht, wie bei dem deutschen, den man im Casino tanzt, unauflöslich aneinander kleben, sondern meistens in gelösten Kreisen sich umschweben. Das ist so die Art des alten nationalen Tanzes im Gebirg, daß der Tänzer alsbald seine Dirne in die Freiheit läßt, diese dann milde lächelnd, mit gesenkten Augen sich um ihn her bewegt, er aber vor ihren verschämten Blicken alle die erlaubten Wahnsinnigkeiten rhythmisch ausführt, wie sie Jugendkraft, Sehnsucht und Liebesfreude einem jungen Aelpler eingeben können. Da dreht er sich also pfeifend, schnalzend oder singend wie ein Planet um seine Sonne, die aber auch ihre Wirbel zieht, stampft mit den Füßen, klopft mit den Händen im Tacte auf Knie und Fußabsätze, macht einen Burzelbaum, schlägt Räder, springt über das Mädchen hinüber, läßt sie unter seinem Arme sich durchdrehen, dreht sich unter dem ihren durch, nimmt sie aber nur selten, wenn auch feurig, in die Arme, und zuletzt, wenn es einer ist, der alte Traditionen ehrt, schwingt er sie in die Höhe, hoch über sein Haupt und läßt sie – aber wer das Ende dieser Figur erfahren will, muß in der Gegend von Miesbach nachfragen.

[581] Abgesehen von dieser letzten Figur, welche zu viele Uebung erfordert, als daß man sie an diesem Abende noch hätte einlernen können, wurden die übrigen Beiwerke des Bäurischen mit Fleiß und Eifer einstudirt, und es war schwer zu beurtheilen, wer am meisten Hingebung für die Aufgabe zeigte, die beiden Mädchen, die jeweils in unendlicher Zierlichkeit und voll holder Scham sich um die Burschen herumdrehten, oder die beiden bayerischen Studenten, welche den beiden sächsischen in diesen Stunden noch alle geheimen Vortheile alpenhafter Tanzkunst beibringen wollten, oder die sächsischen Musensöhne, welche sich vor Freude an diesen nationalen Eigenthümlichkeiten kaum mehr wußten, und die schwierigsten Probleme, die ihnen Lehrer und Lehrerinnen stellten, mit so viel Kühnheit und solchem Glücke durchführten, daß es mich jetzt dennoch wundert, warum man damals die letzte und heikelste Figur nicht wenigstens versuchte. Ueber alle diese Studien aber breitete die Freude ihre Segnungen aus, und ich glaube nicht, daß Unterricht je heiterer ertheilt worden ist, als damals in der Krimmel, so heiter war er und so national in allen Aeußerungen, denn auch die kleinen Küßchen, die man zuweilen zwischen den Tanzenden hin und her flattern sah, sind nicht gerade unvolksthümlich. Selbst meine eigene Melancholie, angeblich von altem Herzweh rührend, ging damals in die Brüche oder zog wenigstens die graue Lodenjoppe umgekehrt an, so daß das rosenrothe Seidenfutter, mit dem sie wirklich innerhalb besetzt ist, recht artig hervortrat, obgleich ich mich mehr peripherisch als Tanzwart und Spielmann um die Fröhlichkeit herumbewegte, zuweilen einen Stuhl zur Seite schiebend, zuweilen etliche ganz falsche Schläge auf der Guitarre verübend, oder ein entfallenes Halstuch auflesend, immer der Absicht, mich auch der kleineren Werke der Liebe gänzlich zu enthalten und namentlich jener verstohlenen Küsse im Halbdunkel, damit nichts einen Schein auf mich werfe, als sey ich solchen Dingen zugethan; sintemalen ich schon damals mit Lord Byron zu sprechen pflegte:


Yet to the beauteous form I am not blind,
Though now it moves me as it moves the wise.

[582] Und so setzte ich mich denn in den Ofenwinkel, allererst aufmerksam der fremden Freude zugewandt, aber allmählich in mich hineinträumend vom Tanz im Pinzgau und mit geschlossenen Augen die Zither und die weichen Mädchenstimmen in mich schlürfend und die starken Tactschläge gemildert aufnehmend und das leise Flüstern und das laute Gelächter fast auch als Musik zulassend in meine innere Welt, die immer schöner wurde, auch immer träumerischer und jedenfalls immer schläfriger, bis ich wie nach langen Zeiten und wie aus weiter Ferne das Pinzgauer Wallfahrtslied vernahm und die Wallfahrtsglocken hörte und mehr und mehr wieder zum wachen Leben zurückkehrend auch im schlaftrunkenen Blinzeln die Lichter der Wallfahrt zu sehen glaubte, und mich immer mehr überzeugte, daß es meine Freunde und Freundinnen selber waren, die unter Vortritt eines Fahnenträgers mit angezündeten Spänen durch die Stube wallten, und mit sehr ernsthaften und frommen Gesichtern Glocken von der Weide trugen und mit leiser verschwimmender Stimme sangen:

Die Pinzgauer gingen in den Dom hinein,
Die Heiligen thun schlafen, sie konnten s’ nicht derschrein –

und den Refrain gestalteten sie parodirend:

Jetzt schaut fein daß ein jeder, jeder, jeder, jeder, jeder, jeder
 sein Madel bei sich hat, sein Madel bei sich hat –

Das hatt’ ich freilich nicht, dafür aber ein reines Bewußtseyn und den Stolz der Tugend. Darum sank ich mit einem leisen Seufzer wieder zurück in den Schlaf des Gerechten – es war ohnedem nicht mehr zu früh – und träumte fort und nahm nun auch noch das Wallfahrer Lied dazu, und wehende Fahnen und läutende Glocken die mich durch die ganze Christenheit über Land und See dahin begleiteten über der Runzeval – schiens mir – bis nach Compostella und zum Berge Sinai im steinigen Arabien, von wo es sehr weit ist ins Pinzgau und wo keine weise Gertl mehr die fremden Studenten durch ihre Sprödigkeit zu reizen weiß und keine Leipziger Musensöhne mehr ländlerisch tanzen und keine bayerischen mehr jodeln. Und in der Frühe mischte sich in den leisen Alpengesang der in das Morgenland mit mir gezogen war, auch der trillernde Baryton [583] des Regens, der von den Dächern lief und aus den Rinnen schoß und in breiten Bächen ins Pinzgau hinunter strömte. Ich hatte es schon ziemlich früh gemerkt, schon früh hatte ich auf meiner Pilgerfahrt im Traume immer den Regenschirm ausgespannt und allen Pinzgauern, die paarweise hinter mir drein wallten, zugerufen, sie sollten auch ihre Parapluies auseinanderthun, damit man trocken in den Orient käme und nicht die Kleider zu wechseln brauche, wo wegen des herrschenden Wassermangels die Wäsche so theuer sey. So rückte ich mit meiner Caravane immer tiefer gegen Aufgang und immer tiefer in den Tag hinein, der mir endlich auch noch die letzte Traumbinde von den Augen nahm und mir dafür eine andere vorlegte, nämlich graue, dicke Nebel, die sich dicht um uns herum gelagert hatten und so weich und wässrig anzusehen waren, wie unausgewundene Strümpfe. Ach, das plätscherte so sicher und so ruhig fort, fort und fort bis zum Mittag und wieder weiter bis zum Abend, daß wir den ganzen Tag keinen Schritt aus dem Hause thun konnten.

Ins Pinzgau verlegen nun sorgfältige Touristen gar gerne eine Liebschaft, und ein Regentag wie jener reicht wohl auch zuweilen hin um zu kommen, zu sehen und zu siegen, so daß es am Abende überflüssig ist, ein Trutzlied zu singen, wie:

Wenn d’ mi nit magst, geh’ i übern Tauern;
Hab’n a’ schöne Madeln die Kärthner Bauern.

Aber ich bin den ganzen Tag büßend auf meiner Stube gesessen und habe die Regentropfen gezählt, wie sie vom Hausdache fielen, während die Gefährten ihrer Laune nachgingen, und wenn wieder eine von den drei Huldinnen frischen Wein zutrug und frische Liebesworte sprach und das blöde Herz zu klopfen begann, wie Yoricks Staar, der in die Freiheit will, so sprach ich ihm Beschwörungen zu und bat es mit aufgehobenen Händen sich ruhig zu verhalten. Mit was wäre da nun viel zu prahlen, als mit einer milden Rede oder freundlichem Augenwinken, oder einem feinen Handschlag und dergleichen harmlosen Beigaben des menschlichen Verkehrs? Und wenn sich nun einer damit zierte und aus dem poetischen Farbenkasten [584] die ultramarinen Pinzgauer Augen und die rosenrothen Mündelein lebhaft malen und mit geringer Zuthat überhaupt etwas daraus machen wollte, so würde es Gertl, Rosi oder Annel im Boten von und für Pinzgau „berichtigen,“ wie man seit 1815 im Boten von und für Tirol alles berichtiget hat, was schwärmende Alpenfreunde von der Liebe in den Bergen erzählt, da es nicht erlaubt ist, die Herzen junger Hirtinnen anders zu nehmen, denn als ausgemordete Taubenkobel. Aber wenns nach dieser Seite fast schon zu viel wäre von Worten, Blicken und Handschlägen zu sprechen, so wäre es nach der andern wieder zu wenig. Da käme jener heißblutige Tiroler Erotiker daher voll aphrodisischen Jähzorns und würde wieder mit mänadischer Eloquenz uns anschreien: „Wir haben nichts gemein mit euch da draußen! Für uns gibt es keine Liebe ohne Genuß. Statt auf Flammentriebe und Sehnsuchtsgluthen, auf Kussesneigen, Brautgeflüster, Liebesfreuden weist ihr auf seichte Blicke und kaltes Händedrücken, statt auf die liebeskühnen Theotimen weist ihr auf die unentschiedenen Pinzgauerinnen, auf Traudel, Rosi, Annel – ja ihr wollt uns die Liebe lehren im nüchternsten, treulosesten Zuschnitt! Das charakterisirt euch hinlänglich, das scheidet uns von euch – wir wollen unsre Mädchen ungetheilt besitzen und können eurer Dienste leicht entbehren. Solche Art von Corruption ist uns noch ein Gräuel!“*)[7] So würde dieser alpenhafte Anakreon schreien und eine Denunciation daraus machen, daß man sich zu ordentlich aufgeführt.

Endlich am zweiten Tage nach unsrer Ankunft war das Wetter so beschaffen, daß wir wieder aus unsrer Arche unter den offenen Baldachin des Himmels treten durften, obgleich die Gardinen noch an manchem Tragbalken schwer und grau herunterhingen und die ganze Landschaft noch aussah wie eine zerschossene Fahne. Also an einem kühlen, von schüchternen Sonnenstrahlen nur versuchsweise beleckten Morgen, [585] traten wir ins Freie und gingen auf den Wasserfall zu. Wenig Gunst in der Beleuchtung und daher meinerseits große Beruhigung, daß die berühmte Cascade schon von andern, farbenreichern Beschauern ihren Theil erhalten hat und bereits zu verschiedenenmalen beschrieben und gemalt worden ist. Der Fall hat drei Absätze; davon ist der unterste der regelmäßigste, der mittlere in wilder Kluft gelegene, der kleinste, der oberste, weithinstäubende, der großartigste. Vom untern war uns am wenigsten vergönnt; das Titanische, das Elementare fühlten wir wohl in seiner Nähe, den eigens geschaffenen Wind, den Gußregen von Wasserperlen, die das wilde Wehen verträgt, und den betäubenden Donner des Sturzes; aber das Malerische wurde uns nicht ganz klar, denn da lag gerade oben, wo er aus dem bebuschten Felsenbette herauskam, eine dicke Wulst zusammengeschichteter Nebelwolken, so daß die Wassersäule unten nur herausfiel wie aus einem Mühlbeutel. Zur rechten Seite oben steht auch schon ein Pavillon, über dessen innere Geschichte uns das Mädchen, welches uns führte, manches Memoirenartige erzählte. Als wir davon wieder zurückgekommen waren, trennten wir uns, wir fünf Gesellen nämlich, die vorgestern zusammen in Zell aufgestanden und über die Gerlos gegangen waren und Abends in der Krimmel jene denkwürdige Abendunterhaltung veranstaltet hatten – da trennten wir uns, wie solche die sich schwerlich je wieder im Pinzgau zusammen finden werden, herzlich und mit wackerm Händeschütteln und die einen, die zwei Leipziger, zogen sachsenwärts und die zwei andern, die Bayern gingen mit mir auf das Pusterthal los, vielmehr auf sein hinterstes Winkelthal in Ahren, von dem uns jetzt nur noch der Krimmler Tauern schied, ein einziger Berg, aber ein Berg, dessen Jochhöhe fast 9000 Fuß über dem Meere liegt.

Wir stiegen also an dem donnernden Bache aufwärts, in einem engen Thale, über Felsbrocken und Gestrüppe. Dunkelgrüner Tannenwald stand zu beiden Seiten und nickte immer heiterer, denn seine Wipfel fingen an sich stätiger zu vergolden und durch seine Düfte schien immer gleißender das Sonnenlicht, je mehr wir von der Cascade uns entfernten [586] und je weniger Lust dahin zurückzukehren bei uns vorausgesetzt werden konnte. Und als wir oben standen und Wasserfall sammt Tannenwald hinter uns lag, und alle Mühseligkeiten eines steil aufsteigenden Felsenwegs überwunden waren, als sich die Landschaft in eine spiegelebene Au öffnete, da war auch an sämmtlichem Himmel alles Gewölk und aller Nebel verschwunden – alles rings herum, der Krimmelbach, der so ruhig durch das stille Hochthal floß, die thauigen Wiesen, die fernen Sennhütten mit den kleinen Fensterlein, die nebelfeuchten Schrofen und weit vor uns die weißen Tauern, all das schimmerte voll unbeschreiblicher Zierlichkeit im Licht der Morgensonne, das war alles so heiter und hell und nur wir selbst fühlten im Busen einige Reue und Trübsal, daß wir unten im Pinzgau nicht eine Stunde länger geschlafen oder bis in den entschiedenen Sonnenschein hinein gefrühstückt hatten. Nun war’s aber zu spät; wenigstens wollte keiner der Wanderer sich aus der friedlichen Idylle wieder in die geräuschvolle Aufregung unterhalb des Wasserfalls zurück begeben.

Also setzten wir unser Lustwandeln ruhig fort, nur mit der Unterbrechung, daß einer von uns an einer sanften Biegung des Krimmelbaches, wo sich eine Tiefe gebildet hatte, schnell seine Kleider abwarf und in den Bach sprang. Ich war’s gewiß nicht – denn seit ich in den lauen Gewässern der ruhmreichen Salamis geschwommen, schaudert mir vor der Kälte unberühmter Gletscherbäche. Desto mehr konnte ich aber den Heroismus des Gefährten bewundern, der um der Erinnerung willen, die eisige Kälte der Krimmlerache ruhig hinnahm. Die Folgen waren indessen nicht einladend für die Nachgänger. Zwar wendete ein guter Gott es ab, daß der Bach für den erhitzten Tauernfahrer zum Saleph wurde, aber ein fieberhaftes Zittern blieb noch mehrere Stunden lang zurück und verlor sich erst im Schweiße, den uns die letzte Jochhöhe auftrieb.

Nach diesem gingen wir wieder rüstig weiter, das liebliche Hochthal entlang, in dem sich die Ache herunterschlängelte, während von den Seiten Wasserfälle in Unzahl zu Thale [587] stürzten. Manche Sennhütten blieben unbesucht, weil sie nicht am Wege standen, aber im vordern Tauernhause wurde eingekehrt. Dieß ist eine jener Herbergen, welche für die Pilger, die über die Tauernpässe ziehen, Unterkunft und schmale Vorräthe wenig leckerer Nahrungsmittel bereit halten. Es waltete in dieser Stiftung eine schöne Tauernhäuserin, die uns mit jener lächelnden Güte aufnahm, mit welcher die Mädchen in solcher Meereshöhe frischen Bergsteigern entgegenzukommen pflegen, zumal wenn sie, die Mädchen, nicht aus dem Stubei, sondern aus dem Pinzgau sind. In der getäfelten Stube ward Wein, Brod und Käse aufgesetzt und um die Wanderer ihrer wegemüden Füße vergessen zu machen, sang das Tauernmädchen mit ihrem jüngern Bruder, den sie herbeigerufen, auch etliche Lieder, die nur zu gut klangen. Wir hätten uns eigentlich in dem Tauernhause alle drei recht wohl gefallen und die Einladungen dazubleiben, den Nachmittag, den Abend, die Nacht, waren fast schwer von der Hand zu weisen; aber wenn wir zu dem kleinen Schubfensterchen hinaussahen und bemerkten, wie des Tages Helle allmählich wieder in den Nebeln unterzugehen drohte, die da und dort an den Halden aufstiegen, aus andern Revieren herüberstrichen, an den Hörnern im Hintergrunde sich sammelten; wenn wir bedachten, wie es denn doch nicht mit Ehren angehe, den ganzen Tag bei der schönen Tauernhäuserin zu versitzen, wie es endlich, so der Tauern heute noch überschritten werden sollte, die höchste Zeit sey, um das Joch zu erreichen, ehe das Unwetter, dessen erste Vorboten sich in den Lüften ergingen, das Fortschreiten unmöglich mache – wenn wir allen diesen Wahrnehmungen und Vernunftgründen ihr gebührendes Gewicht belassen wollten, so mußten wir uns entschließen, mit kurzem Händedruck die kurze Bekanntschaft wieder abzubrechen und unsrer Mission zu folgen. So griffen wir also wieder nach den langen Bergstöcken und schritten über die Wiesen weiter dem zweiten Tauernhause zu.

Hier drohten aber dieselben höchstbedenklichen blauen Augen und rothen Lippen, nur daß sie der innern Tauernhäuserin angehörten, welche von der äußern eine gute Stunde entfernt [588] war, und daß jetzt, da wir eine Sirene schon glücklich umschifft, Widerstandskraft und Selbstvertrauen gewachsen waren. So gewappnet standen wir unter dem bescheidenen Dache der Herberge. Unser Benehmen war voll sinnigen Ernstes – die feurigen Augen, der verwegene Blick, die leichten, scherzenden Reden, die volle Brust und die schwellenden Hüften – sie bethörten uns nicht. – Wir wollten nur fragen, ob es leicht sey, irre zu gehen, und ob es nothwendig, einen Führer mitzunehmen, und als wir gehört, daß ersteres nicht leicht und letzteres nicht nöthig sey, lösten wir uns wieder selbdritt nach einem Bhü’ Gott voll Entsagung aus dem Bann dieser tauriscischen Augen.

Das innere Tauernhaus ist eines der letzten Gebäude in dem schmalen Langthale, das man von der Höhe des Achenfalles bis in die Wildniß kahlen Hochgebirges hinein in drei Stunden durchziehen kann. In seinen hintersten Gründen geht es noch einmal gabelförmig aus einander; die eine Zinke läßt sich auf ebenen Pfaden verfolgen bis auf den nahe liegenden Ferner, rechter Hand dagegen steht eine waldige Halde auf, über welche ein Wasserfall herunter stürzt. Diesem zur Seite klimmt man mühselig empor und nachdem man um ein paar Kirchthürme höher hinaufgekommen, öffnet sich ein unbedeutendes Zuthälchen, von einem lauten Bächlein durchströmt, mit abgefallenen Blöcken reichlich durchsäet. Zu beiden Seiten ziehen kahle Höhen hin – hinten thürmt sich der Tauern auf, aber über diesem lagen die Nebel. So lieb es uns war, dem Bereiche jener Augen entrückt zu seyn, so fanden wir’s doch hier oben sehr öde, sehr trübe und eben deßwegen fast unheimlich, zumal da sich jetzt in kurzer Zeit die Nebel weit herabgelassen hatten, den Eingang des Thales schlossen und uns selbst mitunter fast auf die Hüte drückten. Einen Schweinetreiber, der über dem Bache seine Heerde vom Tauern herabführte und den wir um sein Befinden fragen wollten, konnten wir nicht erschreien, weil das Wasser zu laut dazwischen sprach und durch das wilde Wirrsal von Felsblöcken so leicht nicht hinüber zu klettern war. Was wir auch thaten, wir konnten uns nicht bemerklich machen. [589] Er zog ruhig fort und kümmerte sich um nichts – nicht um uns und nicht um seine Schweine, welche in wunderlicher, seltsamer Anordnung und Regelmäßigkeit über den schmalen Steg dahin trollten. Dieser Umstand vermehrte unser Grauen, das auch nicht kleiner wurde, als er sammt seinen Angehörigen so plötzlich im Nebel verschwand, daß wir ihn auf übernatürliche Weise hinweggenommen glaubten.

Um uns zu zerstreuen, fingen wir an von Alpenrosen zu sprechen. Die beiden Gefährten, das erstemal im Hochgebirge, hatten diese gefeierte Blume noch nie erblickt, denn in den tiefern Gegenden ist sie um diese Zeit schon verblüht. Wir sahen zwar ihre Hecken zwischen Legföhren aufsprießend, aber überall schon die Samenkapseln ausgebildet. Die krüppelhaften, Legföhren, wie sie so demüthig auf dem Boden herumkrochen, gaben uns unterdessen Anlaß zu einstweiligen Betrachtungen – zum Beispiel wie an den Thronstufen dieser Tauern, dieser wilden Despoten, kein charaktervoller Baum mehr aufkommen könne, während unten in dem Waldvolk der mittelständigen Thäler sich die trefflichsten und brauchbarsten Individualitäten ausbilden, wie selbst noch unter dem Janhagel der Ebene die stolze Agitatorengestalt der Eiche sich erhebe – oder – wem dieß nicht gefällt – wie ein anständiger Druck der Verhältnisse dem Menschen wie dem Baume so viel nicht schade, sintemal die starken Fichten oft auf sausenden Bergecken, in schlechtem Grunde gewurzelt und selten mit Veilchenduft umräuchert, daferne nur auch die liebe Wärme des Sommers zu ihnen durchdringt, am schönsten, kräftigsten und höchsten erwachsen – wie dagegen, wenn Sturm und Schnee und Eis den Menschen von Geburt an beständig bedrängen und nie der beseligende Hauch einer linden Maienzeit dazutritt, nothwendig eine Art von Legföhre daraus werden müsse – oder – wer noch etwas harmloseres will – wie die Rose der Schönheit eigentlich doch die Tugend und Würdigkeit in andern so selten zu schätzen wisse, und nun auch diese Alpenrosen sich geduldig von den verächtlichen, aber verliebten Knorrenarmen der Legföhren umhalsen lassen, statt sich um den edlen obwohl weniger sentimentalen Stamm der Eiche zu [590] legen. Indessen an der Schönheit kann jeder nergeln, aber es ist sehr schwer, ihr Feind zu seyn. Und so war uns auch bei alle dem die schöne Alpenrose nicht widerwärtig geworden, und der jüngste der Gefährten brach zuletzt in laute Klagen aus und sprach: Und so soll ich dich also auch jetzt nicht sehen, du Schönste der Berge, und bin dir doch in solche Höhe nachgegangen, und soll dich nimmer finden – denn wenn du auch hier nicht mehr blühst, so sterb’ ich etwan, ohne dich zu kennen. Als er diese Worte gesprochen, gingen wir alle drei an einem breiten, mit buntem Moose bewachsenen Felsen hin, der uns wohl um etliche Ellen überragte, und als wir ihn umschritten, traten wir in ein kleines enges Feldchen mit kurzem Gras bewachsen und von großen Steinblöcken gartenartig eingehegt. Das ist nun nicht so überraschend, aber das Wunderbare war, daß mitten drinnen ein Rhododendronstrauch sich erhob und mitten in dem Strauche auf schlankem Halse eine Alpenrose blühte – eine einzige. Unser Jüngster begrüßte die rothe Blume mit einem Jauchzen, welches hundertfach von den Tauern wiederhallte. Ich freute mich an seiner Freude mehr als an der altbekannten Blume; aber während der fröhliche Gesell das Röschen brach, dachte ich mir in meinem Sinn: Alpenrose! warum bist du nicht Georgine geworden, damit ich das schöne Lied zu dir sprechen könnte, welches Hermann von Gilm zu Brunecken gedichtet hat und das also lautet:

Warum so spät erst, Georgine?
Das Rosenmärchen ist erzählt
Und honigsatt hat sich die Biene
Das Bett zum Schlummer schon gewählt.

Sind nicht zu kalt Dir diese Nächte?
Wie lebst Du diese Tage hin?
Wenn ich Dir jetzt den Frühling brächte,
Du feuergelbe Träumerin!

Wenn ich mit Maithau dich benetzte!
Gar mild ist Julis-Sonnenlicht;
Doch ach, dann warst Du nicht die letzte,
Die stolze Einzige auch nicht! [591]

Wie Träumerin! lock ich vergebens?
So reich’ mir schwesterlich die Hand;
Ich hab’ den Frühling dieses Lebens
Wie du den Maitag, nicht gekannt.

Und spät wie Dir, Du Feuergelbe!
Stahl sich die Liebe mir ins Herz;
Ob spät, ob früh, es ist dasselbe
Entzücken und derselbe Schmerz.

Nun hatten wir die Stelle erreicht, wo wir das Windbachthälchen verlassen sollten um steil aufwärts zu gehen über den Grat. Daß wir jetzt am Tauern standen, zeigte ein einsamer Wegweiser, ein kunstloser Obelisk, den man aus schweren Steinen aufgeschichtet hatte. In seiner Spitze steckte ein hölzerner Arm, welcher links in die Höhe deutete. So viel wußten wir aus den frühern Erkundigungen, daß diese Wegweiser in kurzen Entfernungen aufeinanderfolgen. Es war gut dieß zu wissen, denn es zu sehen, war unmöglich. Wir hatten uns allmählich so in den Nebel hineingegangen, daß schon auf zwanzig Schritte nichts mehr zu unterscheiden war. Während wir uns nun über das Mißliche dieser Lage einige schüchterne Bemerkungen mittheilten, fing es sehr laut zu hageln an. Dieß diente auch nicht unsere Geister anzufeuern, und so setzten wir uns etwas stille auf den Sockel des Wegweisers, der wie eine Rastbank hergerichtet war, den Rücken an die rauhe Wand des Obelisken lehnend, um unser Gewand wenigstens von einer Seite trocken zu erhalten. So sahen wir dem Unwetter zu, das um uns herbrauste – die Tageshelle war fast zur Nacht geworden, schrille, wilde Winde pfiffen vom Tauern herab und drangen mit eisiger Kälte durch alle Falten unsrer Kleider bis auf die Haut, der Hagel schlug uns ins Gesicht und an der Tauernhalde hörten wir ein dumpfes Kollern, als wenn sich oben etliche Felsblöcke in Bewegung setzen und zu uns herunter kommen wollten. Indem uns nun zu Muthe war, als wären wir mitten unter das wilde Gejaid gefallen, und während wir des schmetternden Hagels wegen das liebe Haupt zwischen die Knie genommen, ließ sich plötzlich eine Stimme hören: O! wäre ich doch im Tauernhause! [592] und dann eine andre erläuternde: Und bei der Tauernhäuserin! und eine dritte, welche aposiopetisch sagte: Ja, wäre ich nur allein gewesen! – da kam uns dreien bei allem Elend ein Lachen an.

Um indessen den Leib nicht sinken zu lassen, da der Geist immerhin Mühe hatte, sich aufrecht zu erhalten, so wurden die Reisetaschen geöffnet und verschiedene Nahrungsmittel herausgezogen, nämlich Brod und Käse, Schweinsrippchen, Kalbsbraten, was wir alles in der gastlichen Herberge auf der Krimmel mitgenommen hatten. Diese Stärkungen zogen unsre Augen wieder etwas ab von dem grausen Wetterwirbel um uns her, und als wir alles verzehrt hatten, hatte auch der Hagel nachgelassen und die Nebel zogen wieder ruhiger ihre Wege. So brachten wir also, um unsern unerschütterten Muth zu bezeigen, ein lautes Hurrah aus und stiegen in die Höhe.

Vor uns lag ein steiler Bergabhang, ohne Gras und Kraut, grau und öde, mit Felsgerölle und großen Blöcken bedeckt, zwischen denen der Pfad nur selten kennbar ausgetreten war. Im Anfange gingen wir der Richtung des Armes nach und bemerkten mit Freuden, wie sich aus dem Nebel allmählich das zweite Wahrzeichen herausklärte. Bis zu diesem hatten wir fünf Minuten gebraucht; auch die übrigen, deren es etwa ein Duzend sind, standen ungefähr gleich weit auseinander. Manchmal verzogen sich die Nebel so, daß wir von der einen Etappe gleich auf die andere sehen konnten; manchmal blieben wir im Zweifel, bis wir dicht vor ihr standen. Endlich als wir etwa eine Stunde rastlos gestiegen waren und alle eine Ahnung befiel, daß das Joch nicht mehr ferne seyn könne, zeigte sich noch ein Schneefeld zwischen finstere Wände eng eingeklemmt, steil aussteigend, allerwege etwas bedenklich. Die Luft war wieder ganz trübe geworden, die Nebel senkten sich in den schwarzen Krater, den wir jetzt betreten hatten, so dick und nächtlich herein, daß wir auch das Ende der weißen, gespenstigen Fläche nicht absehen konnten. Das Gestein ringsherum war auch so schrecklich, so wild und zackig, und wenn einer auf dem Schneefelde ausglitschte und [593] herunterrutschte, so schien er todt seyn zu müssen. Nun fing’s auch in dicken Flocken zu schneien an.

Wir stärkten uns wieder durch lauten Zuruf, stießen die Bergstöcke ein, schoben uns guten Muthes über die ganze Bedenklichkeit hinauf und freuten uns, als sie überwunden war. Hagel und Schnee hatten indessen die unbequemste Nässe herbeigeführt; alle Felsplatten tropften, in allen Rinnen floß es, jeder Tritt auf dem schlüpfrigen Boden wurde unsicher, die Schuhe füllten sich mit Wasser. Endlich noch eine neue Beschwerde: das Schneien hörte nämlich um diese Zeit auf und es trat dafür ein tüchtiger Regen ein, dergestalt, daß es im ganzen Gebirge zu patschen anhob. Solch’ ein Gießen hätte den ruhigsten Zeitungsleser, der tief unten in den deutschen Städten am Kaffeehausofen sitzt, verdrießlich angeregt – wie mußt’ es erst uns zu Herzen gehen, die wir fast 9000 Fuß über dem Meere kletterten, fern von allen Dächern, fern von allen Oefen und, was wir dazumal am leichtesten vermißten, noch ferner von allen Zeitungen!

Als wir von dem Schneefelde noch etwas aufwärts gekommen, tauchten aus Nebelgewölke Jesus, Maria und der heilige Johannes auf; Jesus am Kreuze hängend, Maria und Johannes ihm zur Seiten, alle drei aus Holz geschnitten und dorthin gestellt als Wahrzeichen des Joches. So waren wir also auf der Wasserscheide, auf der Höhe des Krimlertauern, hinter uns Salzburg, das Erzstift, vor uns Tirol, die Grafschaft, um uns das scheußlichste Wetter. Wie an dem Posthause auf dem Brenner die eine Dachrinne ihr Wasser ins schwarze, die andre das ihrige ins adriatische Meer versendet, so war’s jetzt auch mit der Traufe von unsern Hüten – schüttelten wir den Kopf südwärts, so rann das Gewässer in den Ahrenbach und mit diesem in die Rienz und mit dieser in die Etsch und kam dann in die Lagunen von Venedig, neigten wir aber das Haupt gegen Norden, so floß das Bächlein, das aus der Hutkrempe herabstürzte, in die Krimlerache und mit dieser in die Salzach und dann in die Donau und vereinigte sich zuletzt mit dem Pontus Euxinus. Dieses Gedankenspiel gewährte indessen wenig Trost in unsern [594] Nöthen. Mehr Herzensstärkung hätten wir vielleicht davon gehabt, wenn uns eingefallen wäre, wie einst Herzog Rudolph von Oesterreich, jünger als wir alle, kaum von einer Krankheit genesen, mitten im Winter über den Krimlertauern gestiegen, immer in rüstiger Eile, damit nicht die Vettern aus Bayern ihm zuvorkämen. Mit Händen und Füßen kletternd soll er auf dem Joch des Berges angekommen seyn. Wohl mag es ihn auch mitten im Winter erfreut haben, den Blick in die Grafschaft hinunter zu werfen, die ein halbes Jahrtausend bei seinem Hause geblieben ist. An Sanct Polycarpen Tag, am 26 Jänner 1363, war er in Bozen, wo Margaretha „mit fürsichtigem Rathe“ der Landesherren die Grafschaften Tirol und Görz den Herzogen von Oesterreich feierlich verschrieb.

Also in den Fußstapfen des ritterlichen Habsburgers stiegen wir von der Höhe hinab, so schnell als der rauhe Weg es erlaubte. Daß wir nun über den Tauern gekommen, ohne seiner recht ansichtig zu werden, daß wir noch immer in den Wolken dahin steigen mußten, kränkte uns weniger, als daß der Nebel alle Aussicht gegenüber benahm und daß wir die prächtige Fernerwelt um die ungeheure Dreiherrnspitze, die dort liegen mußte, nur ahnen konnten, aber nicht erschauen. Zuweilen ging allerdings ein Riß durch die nächsten Nebelschichten und man sah dann auf entferntere, durch welche ein weißes Gleißen, ein silbernes Leuchten der Gletscher schimmerte – aber das war auch alles. Selbst an dem Herzogsbrunnen, der zwischen der Taucrnhöhe und der ersten Alpenhütte liegt, kamen wir vorbei, ohne ihn zu gewahren, also auch ohne sein köstliches Wasser zu versuchen. Er hat den Namen noch von jenem Winter her, wo Herzog Rudolph seinen Durst allhier gelöscht.

Lange Zeit sprangen wir nun durch eitel Wildniß, über wüste Berghänge, über graue, nasse Felsblöcke, zuweilen auch an einem Wegweiser vorbei, welche indeß auf dieser Seite weniger nothwendig, da der Pfad zumeist eingefriedigt und gebahnt ist. Endlich sahen wir ein paar Sennhütten im Gewölke dämmern, hofften uns bald rings um den Käsekessel [595] am prasselnden Herde niederlassen zu können, fanden da jedoch kein Feuer, wohl aber zwei Sennen, die sich durch unsern höchst erbärmlichen Zustand keineswegs rühren ließen, sondern vielmehr deutlich zu erkennen gaben, daß ihnen nasse Tauernfahrer etwas ganz Alltägliches geworden. Von den Sennhütten setzten wir noch über ein paar steile, aber grüne, umbuschte Abhänge, und gelangten zu einem größern Haufen von Hütten, wo wir ein Wirthshaus zu treffen vermeinten. Daß auch dieses eine Täuschung, betrübte uns etwas, denn die Knie drohten einzubrechen. Nichtsdestoweniger rafften wir noch die letzte Kraft zusammen und schleppten uns vom stattlichsten Regen begleitet zu einer andern kleinen Sammlung von Bauernhäusern. Unter diesen stand eine Herberge, auf deren Schwelle wir den Fuß mit jenem Gefühle setzten, welches den beseelt, der nach einer Sturmnacht auf hohem Meere den Tritt aus dem Nachen ans Land setzt.

Was wir nun alles thaten, um uns trocken und reinlich zu machen, sey dem Leser verschwiegen, nicht aber daß die Wirthsleute liebreich beisprangen, um unsere Leiden zu beendigen. Das Feuer, welches im großen Stubenofen angezündet wurde, gab allerdings noch lange keine Wärme, aber dafür prasselte es bald lichterloh in der Küche. Um diese beseligenden Flammen uns zu setzen, holten wir Stühle herbei und stellten sie auf den Herd. Darnach ließen wir uns nieder, griffen nach den Humpen und tranken auf die Tauernfahrt und unsere Gesundheit.

Erinnert ihr euch, so ihr einmal einen oder zwei Romane gelesen, an die schreckhaften Bravos, die dem unglücklichen Opfer überall nachschleichen, ihm auf dem Rialto zu Venedig, auf dem Strande zu Neapel, auf den Wällen von Rhodos bei Tag oder Nacht begegnen und ihm zuraunen: Kennst du mich, Antonio? Der Vergleich mag nicht sehr zart seyn, aber mir kam es gleichwohl so vor – mir kam es vor wie eine hartnäckige Nachstellung, wie ein neues Stück einer alten höchst gefährlichen Intrigue, als ich plötzlich mein Auge auf unsern Jüngsten richtete und wahrnahm, daß eine blühende Pinzgauerin, von hinten hergeschlichen, den einen Arm auf [596] seine Knie legte und mit der andern Hand langsam durch seine Locken fahrend in süßem Klang die Worte lispelte: Ach, wie seyd ihr so naß geworden, lieber Herr! dazu drehte sie ihr Gesicht, das erröthende, vom Feuerschein geröthete, gegen das seinige, das tiefgefärbte, und ihre funkelnden Augen versenkten sich in die seinigen, die blitzenden. Unmächtig der schmeichelnden Gewalt zu wehren, schlang er seinen Arm um ihren Hals und küßte sie. Wir beiden Alten lächelten, wohl wissend, daß seine Kraft nicht erliegen würde. Aber diese Pinzgauerinnen! Zu was könnten sie den harmlosen, vertrauenden Pilger nicht verleiten, die nordisch frischen Gestalten mit dem südlich heißen Blut! Und wie unschuldig gab sie sich, die schmiegsame Maid, die gar nichts wollte und begehrte, als den andern „gern haben.“ Wir warteten die Ereignisse neidlos ab und als nun unser Jüngster die prüfende Hand an den vollen Arm des Mädchens legte, waren wir Zeugen ihrer ruhig ergebenen Anstelligkeit zu jenen minniglichen Zärtlichkeiten, welche die Jugend sich so gerne gestattet, und aus den lachenden Augen schien’s zu leuchten, wie ein Freibrief für alles, was da noch kommen könnte. Es war sehr störend, daß die Wirthin auf einmal in die Küche fiel und diese anziehenden Beobachtungen mit der Bitte unterbrach, wir möchten essen gehen – der Braten, für dessen schnelle Bereitung wir so sehr geeifert, stehe auf dem Tische.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

sammlerglueck24-logo1
Tipp: Mehr zur Bestellung von Bildern finden Sie unter >> Bestellung/Kontakt