Das Tiroler Bauernjahr – Die Vieh- und Feldpatrone des Bauern

Sind schon die häuslichen Nothelfer, wie wir oben gesehen haben, für den Bauern von Bedeutung, so gilt dies noch viel mehr von Denjenigen, welche er für sein Vieh und Feld anruft. Weiß man ja, daß ihm besonders ersteres, nämlich das Vieh, nächst der Familie das Wichtigste ist, oder sagen wir es offen, häufig sogar noch vorgeht. Solcher Viehpatrone hat nun besonders der Älpler eine ziemliche Anzahl, und zwar nicht nur für seinen Viehstand im Allgemeinen, sondern für jede Gattung einen eigenen oder, richtiger gesagt, mehrere. Es ist auch gut, eine Auswahl zu haben, damit, wenn einer versagt, man gleich einen anderen zur Hand hat, abgesehen davon, daß ein doppelter Segen nie schaden kann. Auch hier richtet sich die Wahl oft nach der Landschaft. Schon Seb. Frank sagt in feinem Weltbuch S. 130: “Es hat auch eyn yedes landt sein eygen heyligen, als die Franken S. Kilian, die Schwaben S. Ulrich etc.” So wird z. B. im Burggrafenamte, vorzüglich in Passeier, der heilige Martin als Viehpatron verehrt, während man ihn im Inntale als solchen nicht kennt. Bayern hat unter Anderen auch den heiligen Georg, Dionys und St. Veit, die an anderen Orten eine untergeordnete Rolle spielen.

Die berühmtesten und allerorts bekanntesten sind jedenfalls St. Leonhard, Stephan und Wendelin, wozu sich noch als Patron der Schweine Antonius Abt gesellt. Ersterer genießt besonders in Oberbayern, aber auch in Tirol, große Verehrung Die Kirchen und Kapellen, die ihm geweiht sind, trifft man häufig mit großen eisernen Ketten umgürtet. So kann man es z. B. an der St. Leonhards-Kapelle außer Achenkirch sehen. Auch um die St. Leonhards-Kirche ober Brixen schlingt sich eine zum Teile doppelte Kette herum, an welche nach altem Brauch jedes Jahr ein neues Glied angefügt werden sollte. Läuft sie dreimal um die Kirche herum, so ist der jüngste Tag da. Vielleicht ist die Furcht vor diesem Ereignisse der Grund, warum man diese Gepflogenheit in jüngster Zeit aufgegeben hat. Von der Kette um die St. Leonhardskirche in Leogang geht die Sage, daß sie aus den Kinnketten der genesenen Rosse geschmiedet worden sei. Man findet auch daselbst auf dem Chor der Kirche eine Unzahl von Opfergaben für die Genesung kranker Haustiere aufbewahrt, in rotes Wachs getriebene Pferde und weißwächserne Milchkühe. Auch die Hufeisen genesener Pferde wurden früher an der Kirchentür angenagelt, was man noch in diesem Jahrhundert an der St. Leonhardskirche bei Meran sehen konnte. Erst in späterer Zeit wurden diese eisernen Votivstücke entfernt und durch gemalte, die noch zu sehen sind, ersetzt. Es hängt dieser Brauch wohl damit, zusammen, daß St. Leonhard Patron der Fuhrleute ist. Ebenso wird er gegen Viehseuchen angerufen. Daher gehen zu Ramsach [Ramsau] im Zillertal am Lienhardstag (6. November) die Jungfrauen mit aufgelösten Haaren zuerst zum Opfer und dann zum Taufbecken, um mit dem geweihten Wasser das Haar zu benetzen. Dadurch glauben sie das Vieh vor drohender Seuche bewahrt.

An anderen Orten Unter-Inntals, wie auch in Schwaben wird das Vieh, besonders aber die Rosse, an diesem Tage um die Leonhardskirche getrieben oder geritten und dann eingesegnet. Am belebtesten geht es in Oberbayern zu, wo das dreimalige “Lienhardfahren” um die Kirche allgemein im Schwange ist und, wie z. B. in Tölz, den Charakter eines Volksfestes annimmt. Dreißig bis vierzig Wagen von nah und fern, viele mit den darauf ruhenden zierlichen und buntbemalten “Leonhard-Truhen”, in denen die ländlichen Schönen in ihrer kleidsamen Tracht sitzen, beteiligen sich unter Musikbegleitung an der Umfahrt.

Dem Leonhard zunächst am Range steht als Patron für das Vieh und besonders für die Pferde der heilige Stephan, vom Volke Steffel genannt. An seinem Tage (26. Dezember) läßt man den Rossen zur Ader, damit die Steine den Hufen nicht schaden. Auch wird ihnen geweihtes Salz und Brot gegeben, an anderen Orten geweihter Hafer und Gerste. Die Verehrung des Heiligen blüht selbstverständlich besonders in jenen Gegenden, wo starke Pferdezucht betrieben wird, z. B. im kärntnerischen Lavant- und Gailtal. Da kommen am Stephanitag vom ganzen Tal die Burschen auf ihren ungesattelten Gäulen herangeritten und vollziehen vier-, fünfmal den Wettritt um die Kirche, währenddem der Priester die Weihe der Tiere vornimmt, sie mit Weihwasser besprengt und exorcisiert. Noch schöner nimmt sich dieses Fest zu St. Stephan im Gailtale aus, wo die Pferde mit Blumen und Bändern bekränzt sind und von den Burschen in ihrer schönen Nationaltracht geritten werden. Der Erste am Ziel bekommt von seinem Mädel ein Sträußchen.

Mehr ein Localpatron für das Vieh ist der heilige Martin, dessen Kult vorzüglich im oberen Etschland und Passeier blüht. Berühmt als ihm geweihte Wallfahrtsorte sind St. Martin am Kofel über Latsch im Vintschgau und St. Martin im Passeier. In ersterem erhielt der Schutzpatron nach Staffler bereits so ansehnliche und kostbare Opfer, daß seine Kirche eine der reichsten in der Gegend geworden. Sein Bildnis trifft man gleich dem heiligen Leonhard fast an jeder Stalltür des Burggrafenamtes angenagelt. Als Beleg seines großen Ansehens diene folgendes Histörchen. Am Charfreitag [Karfreitag] Nachmittags wird bekanntlich in Meran und in anderen Orten Südtirols der Leichnam Christi in feierlicher Prozession durch die Stadt getragen und dann in der Grabhöhle beigesetzt. Als nun einmal ein Passeirer Bäuerlein, vielleicht war es gar das Stulfer Jörgele, dazu kam, fragte es einen, wer begraben würde. “Ja wißt Ihr denn nicht”, war die Antwort, “daß heute unser Herrgott gestorben ist?” “Ist er g’storben”, meinte das Bäuerlein, “nu, dann werden sie jetzt wohl den heiligen Martin zum Herrgott machen, der verstund’ doch auch etwas vom Vieh.”

Einer ganz speziellen Beliebtheit als Schutzheiliger erfreut sich der heilige Antonius Abt, vom Volke schlechtweg “Fackentoni”, in Welschland Antonio del porco genannt. Er verdankt dieses eigentümliche Epitheton dem Umstande, daß seinem Schutze vorzüglich die Schweine anvertraut werden. Wie er zu diesem. Patronate gekommen, dafür bietet die Legende keinen Anhaltspunkt. Nach der Tradition soll ihm der Teufel erst in Gestalt eines Schweines, dann in der eines reizenden Weibes erschienen sein. Bekannt ist die derbkomische Behandlung dieser Anfechtungen des Mönchs durch Busch. Sein Kult scheint übrigens schon im späteren Mittelalter, besonders zur Zeit der Reformation, Gegenstand des Angriffes gewesen zu sein. So wirft Seb. Frank der “Antonius-Bruderschaft” vor, sie hänge etlichen Schweinen Glöcklein in die Ohren und schicke sie in die Stadt, damit sie die Gemeinde “erziehe”, bezw. mäste, “um St. Antonius Ehr'”, und wer ihnen zu essen gebe, dem werde er das Vieh vor allem Unglück bewahren. Wenn nun die Schweine genug feist wären, so “essen’s die lieben Pfaffen mit jren frewlin um sant Anthonius willen”. Der Heilige habe auch in der Kirche einen Trompeter mit zwei Glocken, damit er die armen Toren, die immer gern läuten hören, herzulocke. Die beiden Glocken läuteten, die eine: “Heller, Pfenning”, die andere: “Gib mir, mangel Du”. Das Landvolk kümmert sich indeß um diese Angriffe auf seinen lieben Patron nicht und opfert am “Thöningstag” [Töningstag] nicht nur ihm, sondern in Oberbayern auch seinem – Schwein. Die alte Magd eines meiner Meraner Freunde bat am Antoniustage stets, daß sie nach Untermais in’s “Fackenamt” gehen dürfe, damit ihr “die Zucht gut gedeihe”.

Gelten St. Leonhard und Stephan vorzugsweise für die Rosse, St. Antonius für die Schweine, so gehören dem heiligen Wendelin vorzüglich die Kühe an. “Sant Wendelin ist Kuhhirt, des Bild hat gemeynglich vil thierlin vor jm hangen”, sagt Franck [Frank?]. In Obermais, wo sein Bild auf dem Seitenaltare steht, war noch vor Kurzem darunter zu lesen: “Wendelin, Du großer Viehpatron, bitt’ für uns Maiser”. Jetzt hat man diesen allerdings etwas verfänglichen Spruch übertüncht. Überdies gilt St. Wendelin als Patron des Bauernstandes überhaupt, weshalb man ihn häufig mit dem Rechen in der Hand abgebildet findet, ihm zur Seite die heilige Notburg gewissermaßen als weibliches Vorbild der Landbevölkerung. Damit sind wir bei jenen Nothelfern angelangt, welche den Feldbau, kurz die Landwirtschaft, betreffen.

Notburga, deren anmutige Erscheinung und liebliche Legende dem Bauernvolke besonders zusagen mußte, kann wenigstens in Tirol, nächst dem heiligen Josef als die populärste Nothelferin angesehen werden. Man trifft sie in Kirchen und Kapellen des Inntals, wie auf den Altären Südtirols; auch in Kärnten fand ich sie in ihrer schmucken Unterländer Tracht. Ihre Hauptkultstätte hat sie in Eben, jenem reizenden Plateau am Eingange ins Achental. Dorthin wandern jährlich Tausende und Abertausende hilfsbedürftiger Menschen, um vor ihrem Bildnisse zu knien und sich von ihrem “heiligen Leichnam” Trost und Rettung zu erbitten.

Verwandt mit der heiligen Notburg ist die heilige Gertraud, die ebenfalls vorzüglich als Patronin des Landbaues verehrt wird und auch sonst in allerlei Nöten und Gefahren hilft. Darum trägt auch der Bauer gern das “Gertrudenbüchlein” als Schutz gegen jeglichen bösen Einfluß im Sacke bei sich. Ihr Tag, der 17. März, ist zugleich die Mahnung zum Beginn der Feldarbeit.

Gertraud
Führt die Kuh zum Kraut,
Das Roß zum Zug,
Die Bienen zum Flug.

Am meisten jedoch geht ihr Kult die Bäuerin an. Gertraud war nämlich die “erste Gärtnerin”; der Hausgarten obliegt aber der Sorge der Bäuerin, gleichwie auch das Federvieh, dessen Erlös in ihren Sack fließt. Nun gilt die Gertrudenbrut als die ergiebigste. “Diu pest prout”, sagt Megenberg in seinem Buch der Natur, “kümt von der hennen in des langes (Lenzes) ebennähten (Tag- und Nachtgleiche), daz ist vor sant Gertruden tag”. Deshalb betet die Bäuerin zur Schutzheiligen des Federviehes noch ein ganz besonders inbrünstiges Sprüchlein und verspricht ihr, wenn es einmal im Hausgarten blüht, den schönsten “Buschen”.

Zwei Feldpatrone ganz eigener Art sind der heilige Magnus und der heilige Marcus. Beide werden zum Schutz gegen den “Abfraß” verehrt. Nun glaube ich zwar, daß das Vertilgen der Maikäfer ein probateres Mittel gegen die Engerlinge wäre als das Magnuswasser, das am 6. September geweiht und auf die Felder gegossen wird, aber wie dem auch sei: in der Kirche steht den ganzen Sommer über der große Behälter mit der geweihten Flüssigkeit, die durch Nachgießen stets erneuert wird. Überdies ist der heilige Magnus der Patron der Krautköpfe,

St. Mang
Schlägt’s Kraut mit der Stang’,

damit sie nämlich fest werden. Den heiligen Marcus [hl. Markus] verehrt das Volk ebenfalls wegen des Abfraßes und hält sogar eigene Prozessionen gegen dieses schädliche Ungeziefer ab. Man datiert diese Kreuzzüge sehr weit zurück, ja alte Leute behaupten, daß sogar Christus einem solchen Kreuzzug gegen den Abfraß beigewohnt habe.

Im Übrigen ist das Volk auf diesen Heiligen nicht gut zu sprechen und seine Verehrung entspringt mehr der Furcht als der Zuneigung. “Mark’s – bringt viel Arg’s”. Marcus gilt nämlich als Lostag mit einer Schwend, d. i. Unglücksstunde. Wenn man nun beim Säen eine solche Stunde trifft, so wächst nichts. Was tat nun der Spörr Michel von Obernberg, um diese Schwendstunde zu erfahren? Er hackte am Marcustage [Markustag] in jeder Stunde einen anderen Baum an, und richtig, der Baum, den er in der Schwendstunde angehackt hatte, dorrte ab. Einem Anderen ist es bei dieser Probe schlimmer ergangen. Der gab sich jede Stunde mit einer Nadel einen “Tupfer”. Als er aber zur Schwendstunde kam, starb er.

Stehen nun diese genannten Nothelfer mehr zum Feldbau in Beziehung, so ist Urban der Patron des Weinbaues und als solcher besonders in Südtirol sehr verehrt. Konzentriert sich ja doch in diesem Landesteile die Hauptarbeit auf die Pflege und möglichst ergiebige Ausbeute dieses edlen Gewächses. Wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn der Etschländer Weinbauer das Sprichwort hat:

Sanct Urban
Ist der rechte Mann,

und ihm an seinem Tage (25. Mai) mit Andachten und im Festgewand Ehren erweist, wie keinem anderen Heiligen. Besonders am Fronleichnamstag geht es in der Meraner Gegend feierlich her. Da wird der heilige Urban als Beschützer der Weinberge in großartiger Prozession unter Pöllerknall [Böllerknall] und mit wehenden Fahnen, auf einem Thronsessel sitzend, im päpstlichen Ornat und von Rebengewinden und künstlichen Trauben umgeben, zum Segenbühel, dem höchsten Punkt des weinreichen Küchelberges, hinaufgetragen.

Es gibt wohl noch zwei Weinpatrone, den heiligen Vicentius (22. Jänner), von dem man Sonnenschein ersteht, und den heiligen Mathies (Matthäus), von dessen auf den 21. September fallendem Feste es heißt:

Mathies
Macht die Weimer (Weine) süß,

aber deren Tage sind mehr als Lostage aufzufassen. Letzterer wird übrigens im nördlichen Landesteile als Almpatron verehrt. An seinem Tage pflegt in manchen Seitentälern Unter-Inntals der berühmte Melcherball abgehalten zu werden, wo getrunken, getanzt und gerobelt wird, bis der junge Tag über das Joch scheint. Als eigentliche Almpatrone gelten sonst dem Bauer Laurentius und Bartholomäus, doch ist mir von einem besonderen Kulte dieser Heiligen nichts bekannt. Zum Teile berühren sie sich mit den bäuerlichen Wetterschutzherren, über welches wichtige Kapitel wir ein andermal berichten werden.

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