Das Tiroler Bauernjahr – Bäuerliche Sommerfrische

Nirgends ist der Brauch, im Sommer der Gesundheit halber auf das Land “in die Sommerfrische” zu gehen, allgemeiner als im Gebirgslande Tirol, obwohl es dort am wenigsten notwendig erscheinen möchte. Wenn der heiße Sommermonat Juli naht, sieht man in den Städten bald da, bald dort einen mit Ochsen bespannten Bauernwagen stehen, der mit Bettzeug, Koffern etc. bepackt wird und dann einem Dorfe der Umgebung zufährt.

Aber nicht blos der Städter gönnt sich nach der geistigen und körperlichen Anstrengung des Jahres ein paar Wochen Erholung, auch bei den Bauern herrscht dieselbe Sitte. Es gehört beim Landvolke gewissermaßen zum “guten Ton”, alljährlich eine hochgelegene Alpe oder ein Bad zu besuchen, und zwar gilt dies nicht etwa blos von Schwächlingen und Kranken, sondern ebensowohl von gesunden und kräftigen Leuten, die eine Pause der Feldarbeit dazu benützen. Daher trifft man in Tirol eine Menge von Badeorten, deren Ursprung oft mehrere Jahrhunderte zurückreicht. Schon der “Tiroler Landreim” führt eine ganze Reihe derselben an und preist deren verschiedenartige Heilkräfte. Diese sind in der Tat bei einigen bedeutend und bewirken im Verein mit der herrlichen Lage einen solchen Aufschwung derselben, daß sie gegenwärtig als ziemlich behaglich eingerichtete Kurorte gelten können.

Andere dagegen sind in den bescheidenen Grenzen eines “Bauernbades” geblieben. Ein solches entfaltet allerdings keinen Aufwand. Das Gebäude unterscheidet sich von einem gewöhnlichen Bauernhause nur durch eine Anzahl hölzerner Badekammern mit sargähnlichen, ebenfalls aus Holz gezimmerten Badewannen. Unweit davon steht eine kleine Kapelle, in der mindestens an Sonntagen ein Pater die Messe liest. So ist vor Allem für die geistlichen Bedürfnisse gesorgt. Sollte sich ein leibliches Gebreste einstellen, so mag der Kurgast einen Zahn-, Leib- oder Fuß-Patron, wie die heilige Apollonia, den heiligen Rochus oder Peregrinus anrufen, was jedenfalls billiger kommt als ein Badearzt, der in den meisten Fällen zu den unbekannten Dingen gehört. Nur das Bad am Iselsberg im Pustertal besitzt einen solchen, von dessen Wunderkuren man sich einen Begriff machen kann, wenn man im betreffenden “Prospektus” liest, daß er Jedermann zur Verfügung stehe, wofür “jeder Kurgast erster Classe 20 Kreuzer und der Kurgast zweiter Classe 10 Kreuzer ein für allemal zu entrichten habe.”

Die innere Einrichtung des Hauses ist ebenso altväterlich. Die Schlafkammern zeigen schwere, hochaufgetürmte Federbetten, und die Küche enthält einen riesigen offenen Herd, auf dem die weiblichen Kurgäste für sich und ihre zugehörigen Männer selbst kochen. Lebensmittel und Kochgeschirr bringen sie teils selbst mit, teils bekommen sie es am Orte; an frisches Fleisch ist man auf dem Lande ohnedies nicht gewöhnt. Wenn die Speisen nicht immer “kurgemäß” ausfallen, so schadet es in der frischen Lust und bei dem gesunden Trinkwasser wenig. Der Gebrauch des Bades nimmt mehrere Stunden des Tages in Anspruch. Die übrige Zeit verbringen die Weiber beim Strickstrumpf und gemächlichen “Plausch”, die Männer, indem sie in der Stube oder an einem Tisch im Freien beim Glase Wein sitzen und sich mit “Bieten” – einem in Tirol sehr beliebten Kartenspiel – die Langeweile vertreiben.

Obwohl das Haus stets voll von Gästen ist, wird sich der Besitzer eines solchen Bauernbades kaum je große Reichtümer erwerben, denn die Billigkeit ist geradezu fabelhaft. Im obenerwähnten Bade des Peter Walding am Iselsberg ist für die Wohnung “per Kopf und Tag” 10 Kreuzer zu entrichten. “Ein frisches Vollbad in Holzwannen” kostet 13 Kreuzer, ein “gewärmtes Bad für den Nachmittagsgebrauch” 7 Kreuzer. – Ähnlich ist es im “Augen- und Stahlbad” Leopoldsruh bei Lienz und war es im sog. “Möselebad” im Pragsertal, das sich “ein herrliches Gliederbad, eine Präservative in abgematteten Gliedern” nennt, welches “wegen seiner guten Lage von armseligen und gebrechlichen Kranken leicht besucht wenden könne”. *) Die bäuerliche Beurteilung der Wirkung solcher Bäder mag Folgendes charakterisieren. Ein siebenzigjähriger Mann, befragt, warum er heuer nach Untermoy (im Enneberg) und nicht, wie in früheren Jahren, nach Froi in’s Bad gehe, sagte: “Wißt ös (Ihr), erstlich ist der Weg dahin kürzer und dann ist’s Wasser dort besser; denn in Froi sieden sie’s nur eine Stund’, in Untermoy aber drei Stunden, und darum hat’s mehr Kraft.” –

*) Seit 1881 ist es zum empfehlenswerthen Wildbad Neuprags umgebaut.

Manche größere Bäder enthalten eine eigene Abteilung für Landleute und Arme. So traf ich erst unlängst im Waggon eine Bäuerin, die eben aus dem Brennerbade kam und sich über das Gezanke und die gelegentlichen Langfinger ihrer Kochkolleginnen bitter beklagte.

Die meisten großen und kleinen Bäder weist das Pustertal auf.

Da ist am Eingange des Sextenthales das tannen-beschattete Innichen (1332 Meter Seehöhe), Antholz (1091 Meter) im gleichnamigen Tale, ein bekanntes Frauenbad, das freundliche Maistatt (gut 1200 Meter) und das berühmte Altprags, das “tirolische Gastein” (1377 Meter), das Hermann v. Gilm so schön besungen. Damals lebte noch der gestrenge Wirt und Badinhaber Kaspar Duracher, der, jedem Fortschritt auf das Grimmigste abhold, alle auf Vergrößerung seiner Räumlichkeiten abzielenden Räte mit den barschen Worten abwies: “Wozu denn? Ich habe ja jetzt schon nicht Platz genug.” Noch besser machte es seine Ehehälfte. Kam nämlich ein Unterkunft suchender Wanderer an ihre Schwelle, der durch seine Worte ihr menschenfreundliches Herz zu rühren wußte, und war das Haus bereits vollbesetzt, so entledigte sie sich einfach eines Kurgastes, der ihr weniger zu Gesicht stand, räumte dessen Habseligkeiten aus dem Zimmer und bedeutete ihm: “Sie sind schon lange genug dagewesen, jetzt zieht dieser Herr ein.” Seit aber der Schwiegersohn des seltsamen Ehepaares die Wirtschaft übernommen, ist das Alles anders geworden. Das alte Gebäude wurde erneuert und vergrößert, so daß jetzt eine ansehnliche Reihe von Zimmern zum Aufenthalte einladet und auch solche Gäste, die das schöne Wildbad weniger wegen seiner Heilkraft, als um seiner unvergleichlichen Lage im Herzen der Dolomitberge willen aufsuchen, zwanglos dort verweilen können. – Trotzdem aber hält der ehrenhafte Herr Wirt noch fest an alttirolischer Biederkeit, was daraus hervorgeht, daß Erzherzog Heinrich von Österreich, welcher vor einigen Jahren dort Genesung von einem gichtischen Leiden fand, ebenso wie jeder andere Kurgast per Tag für das Zimmer nur 60 Kreuzer zu bezahlen hatte.

Eines noch erlauchteren Gastes rühmt sich das Bad Maistatt bei Toblach; allerdings geschah der Besuch schon vor einigen Jahrhunderten. Das uralte Fremdenbuch des Hauses erzählt nämlich, daß Kaiser Max I., “der letzte Ritter”, nachdem er im venetianischen Kriege die Festung Peutelstein bezwungen, sich längere Zeit in Toblach aufgehalten und im nahen Bade die Kur gebraucht habe. Von dieser Anwesenheit der “Maistät” leitet das Bad seinen Namen ab.

Eine wohl nirgends als in Tirol bekannte Kur sind die sogen. Heubäder. Die Bauern, besonders die Etschländer, halten sehr viel darauf. Für besonders heilsam gilt das frische kurze Gebirgsheu, und zwar muß es noch “brennend” sein. Deshalb trifft man die übrigens höchst einfachen Vorrichtungen zu dieser Kur häufig hoch oben auf luftigen Höhen, so z. B. in der nach Völs gehörigen Alpenhütte auf dem Schlern (Dolomit, 2561 Meter, bei Bozen). An einem Balken ihrer niederen Decke klebt ein Anschlagzettel, welcher folgende Badeordnung enthält: “Bemerkung. 1. das derjenige, der auf das Hei geth sich fleißig den Koth abstreifet. 2. das derjenige, der von Hei hinausgehet sich fleisig das Hei abschittelt. 2. das jeder nicht von Völs gebirtüge (!), welcher eine ganze oder halbe Woche im Hei liegt, 30 Kreizer zahlen mus. Unterz. Heiinhaber.”

Die stärksten Heubäder befinden sich auf dem Schlern und dem Jochgrimm (oder Weißhorn, südöstlich von Bozen) und im Bauernbad Weißlahn. Die sehr besuchten Heubäder von Aldein liegen tiefer im Tale (östlich der Etsch, 1221 Meter). Das Heu befindet sich in Stadeln und wird für diesen Zweck von den Bergwiesen herabgeführt. Um die Kur zu gebrauchen, wird eine Grube im Heu gemacht, in welche sich der Badende nackt hineinlegt. Ein Anderer, sei es nun ein Kurgast oder der eigens bestellte “Badreiber”, deckt ihn bis an den Hals zu. Auch während der Dauer des Heubades muß immer Jemand gegenwärtig sein, da den Leidenden leicht der Schlag treffen könnte. Wenn der Betreffende vollständig in Schweiß ist, wird er “ausgegraben” und darauf vom Badreiber abgetrocknet; er selbst wäre vor Mattigkeit nicht im Stande, es zu tun. Ankleiden kann er sich dann selbst. So liegt in den Stadeln oft Kopf an Kopf; wie schmutzig und zerwühlt davon das Heu gegen Ende der “Saison” aussieht, läßt sich denken. Die Heubäderkur ist übrigens nicht ganz ungefährlich. So wurden im August 1886 aus dem oben genannten Heubad zu Aldein zwei “Badegäste” ohnmächtig aus dem glühend heißen Bergheu herausgezogen.

Die Zeit, in welcher diese Heubäder genommen werden, ist nach Jakobi, d. i. Ende Juli und Anfangs August. Sie sollen nach Aussagen der Bauern gegen Rheumatismus, Gallfluß, “Böckl”, Gicht und Schiatik helfen. Ein einzelnes Bad kostet zu Aldein 10 Kreuzer; der Badreiber erhalt als Lohn ein – Bad.

In manchen Gegenden ergibt sich eine Heukur und Alpensommerfrische von selbst. Ich meine jene Täler, wo das Besitztum der Bauern größtenteils aus Bergmähdern besteht, wie es z. B. im Ötztal und Pitztal der Fall ist. Das Bergheu ist beiläufig Anfangs August für die Sense reif. Man rüstet sich daher um diese Zeit zum Aufbruch, Derselbe ist eigentümlich genug, nicht unähnlich einem Nomadenzug des Ostens, Alles zieht mit, was gesunde Füße hat: Männer, Weiber, kleine Kinder, Haustiere, ja selbst die Hennen, die man der Eier wegen gut brauchen kann; höchstens ein altersschwacher Großvater oder ein gliederschwaches Mütterchen bleibt zurück, um für einige Wochen allein im öden Hause zu wirtschaften. Da die sämtliche Familie droben auf dem grünen Bergmahd auch schlafen und essen muß, so gibt es eine Menge Lebensmittel und Gerätschaften, die in Rückkörben wohlverpackt hinaufgetragen werden müssen. Noch schwebt mir das bunte Bild eines solchen Wanderzuges vor Augen, dessen ich vor ein paar Jahren Zeuge war. Ich hatte einen Ferienausflug in’s Ötztal gemacht und war eben in einem stattlichen Bauernhof eingekehrt, um meinen lechzenden Gaumen durch ein Glas frischer Milch zu erquicken.

Es war Sonntag Nachmittag, aber von feiertäglicher Ruhe nichts zu spüren. Die Knechte im Werktagsgewand dengelten oder probierten ihre Sensen, die Dirnen eilten geschäftig hin und her und brachten verschiedene Gerätschaften der Bäuerin, die im Hausgange vor einem großen Rückkorbe stand und denselben vollstopfte. Als ich verwundert frug, was denn das zu bedeuten habe, hieß es: “Heut’ geht’s auf’s Bergmahd!” Und wirklich eine halbe Stunde darauf war Alles reisefertig und der malerische Zug setzte sich in Bewegung. Voran gingen die Knechte, beladen mit den zusammengebundenen Rechen und Sensen, auf welche sie mit einem “Tragseil” den weißen Wettermantel geknüpft hatten. Sie trugen kurze schwarze Lederhosen und grün ausgenähte Strümpfe über die muskulösen Waden gespannt, die Füße staken in groben Bergschuhen. Auf dem Kopfe saß, recht “wax” auf die Seite gedrückt, ein alter Wetterhut mit einer weißen Hahnenfeder. Einer hielt auch ein paar Steigeisen in der Hand, mit Hilfe deren er vermutlich seinem Diendl Jochrauten oder Edelweiß holen wollte, ein Anderer hatte Seile über der Achsel hängen. In der Mitte der “Wanderleut'” schritt der Bauer, ihm zur Seite ein paar größere Buben. Hinterher kam die Bäuerin. Ein paar flachshaarige Kinder hingen ihr am Rock, das kleinste trug sie gleich einer Zigeunerin auf den Rücken gebunden. Daneben gingen die Dirnen. Eine derselben hatte eine “Kraxe” auf dem Rücken, aus welcher eine rußige Pfanne hervorsah und ein umfangreicher Sack, gefüllt mit allen zum Kochen des einfachen Mahles nötigen Bestandteilen, wozu in erster Reihe Mehl, Salz, Speck, und “Brennlich” und Zieger zur Suppe gehören. Den stärkenden Trunk enthält eine wohlgefüllte Schnapsflasche. Die übrigen Dirnen trugen Brot, das eigens für diese Zeit gebacken wird, Kochgeschirre und Milchbutten. Den Schluß des Zuges machte eine kleine Herde von allerlei Vieh, aus der ein paar meckernde Ziegen beständig hin- und hersprangen und Laubbüschel von den Hecken naschten.

So geht die Wanderung weiter, oft noch ein gutes Stück durch die sonnige Talsohle, dann auf vielverzweigten, nur dem Kundigen erkennbaren Pfaden durch Gebüsch und Wald hinauf zum Mahde, Wo eine Quelle sprudelt, wird Halt gemacht, Speck und Brod gegessen und dazu aus einem Filzhut vom frischen ‘Wasser getrunken. Endlich ist das Ziel erreicht und wird vom Vordersten mit einem Juchzer begrüßt. Es dämmert schon und der Mond steht am Himmel, daher sucht man schnell die Hütte zum Übernachten auf. Dieselbe enthalt freilich keine Federbetten, sondern nur duftiges Heu, das man zu diesem Zwecke noch vom Vorjahre aufbewahrt hat. Ist aber keines vorhanden, so mäht man schnell ein sog, “Lager”, d. i. das Gras um die Hütte herum. Darauf schläft Alles durcheinander, Männer, Weiber und Kinder, und wenn der Raum zu eng ist, findet sich wohl noch ein Heustadel. Dort kriecht man durch das einzige, Tür und Fenster vorstellende Loch und macht sich’s so bequem als möglich. Allerdings streicht die kühle Bergluft aus und ein, aber was tut’s? Man gräbt sich tief in’s Heu und deckt sich damit warm zu.- Zum Kochen dient ein einfacher Herd, oft ist auch der nicht vorhanden und man muß im Freien Feuer anmachen.

Bei schönem Wetter vergehen die zwei bis vier Wochen, die man oben zur Arbeit braucht, schnell und lustig. Man steht beim ersten Tagesschein auf und arbeitet frisch darauf los, dabei macht das sog. “Hundaufgeigen”, das wir bei Gelegenheit der Heuernte bereits kennen gelernt haben, viel Spaß. Den Feierabend benützt das junge Volk zum Singen, Possentreiben und Tanzen auf dem Wiesboden, wozu oft noch Besuch von benachbarten Mähdern kommt. Aber wenn es regnet, Tage, Wochen lang, wenn man nicht arbeiten kann und schutzlos den rauhen Winden preisgegeben ist, da muß der graue Himmel wohl manchen ungeduldigen Fluch anhören, und das Gebreste, das früher oder später einen starken Körper heimsucht, mag auch von einer solchen “Sommerfrische” herrühren.

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