Angelika von Hörmann, Tirolische Pflanzensagen

Es gewährt dem denkenden Naturfreund einen eigenen Genuß, zur schönen Jahreszeit durch Feld und Wald oder durch blumige Wiesen hinzuschlendern und mit sinnendem Auge das Leben und Weben der verschiedenartigen Erscheinungen der Pflanzenwelt zu betrachten. Hier entfaltet sich ein zarter Keim, in dem noch wie in einem Kinde alle eigentümlichen Anlagen schlummern, dort prangt eine Blüte in der üppigsten Pracht ihrer Entwicklung, während eng daneben ein halbverwelktes Blumenantlitz sich matt zur Erde senkt. Fürwahr ein naturgetreues Abbild des ewig wechselnden Menschenloses bietet ein Blick in so eine Blumenwelt. Darum waltet auch eine geheimnisvolle Beziehung zwischen Mensch und Pflanze, eine Verwandtschaft, die besonders der tiefpoetische Sinn des Volkes herausgefühlt hat. Davon geben nicht nur die sinnvollen Benennungen der Blumen und Pflanzen überhaupt Zeugnis, welche leider immer mehr und mehr durch die schablonenmäßige Nomenklatur der Gelehrten verdrängt werden, sondern noch mehr die lieblichen Sagen, die sich an manche Pflanzen angeschmiegt haben und besonders dem Mythologen und Kulturhistoriker manchen wichtigen Aufschluß geben, so wie sie auf die einstige Existenz der Pflanzenfabel führen.

Leider hat sich von dieser Gattung der Sage wenig mehr erhalten, und nur der Volksmund hat uns einige überliefert, oft sind es, wie bereits gesagt, nur die Namen, welche auf einen ursprünglich reichen Vorrat von Pflanzensagen schließen lassen. So z.B. Himmelsschlüssel, Frauenschuh, Wohlgemut und Wohlverlei, Wachholder, Tausendgüldenkraut, Stolzheinrich, Heilallerwelt, Allermannsharnisch, Neunmannskraft und viele andere. Weiter gibt es eine große Anzahl von Bäumen, Sträuchern und Kräutern, die das Volk als wunderkräftig verehrt oder mit geheimer Scheu als Hexen- und Teufelspflanzen meidet, ohne mehr den eigentlichen Grund davon zu wissen. An wieder anderen haften noch einzelne Züge ehemaliger Mythen und Sagen. So ist zum Beispiel nach dem Volksglauben an die Linde, die auf einem Dorfplatz oder in einem Schloßhofe steht, das Glück der Bewohner geknüpft; verdorrt sie, so sterben die Menschen, und deren Wohnungen verfallen zu Schutt. Den heiligen Holunderbaum fragt der Holzhauer um Erlaubnis, ehe er ihn fällt. Ebenso heißt es, die Erle fühle beim Umhauen Schmerzen, wie ein Mensch, und ächze und vergieße Blut dabei. Die vielen Knöpfe und Auswüchse des Eschenbaums sollen vom Truddrücken herrühren. Denn die bösen Hexen oder Truden, die oft Nachts die Menschen im Schlafe ängstigen, fahren, von diesen vertrieben, voll Zorn auf den hilflosen Baum los und kühlen an ihm ihre Rache. Für besonders heilig wird ferner die Mistel gehalten, die auf Bäumen wuchernde Schmarotzerpflanze, von der man ehemals glaubte, sie sei vom Himmel gefallen. Der moosartige Auswuchs an Rosensträuchen, Schlafapfel genannt, zaubert jeden, unter dessen Kopfkissen er liegt, in fortdauernden Schlaf. Wer die Zukunft erforschen will, befragt den weissagenden Klee, wem nach Reichthum gelüstet, der legt Farrensamen, in heiliger Mitternachtsstunde gesammelt, zum Gelde; dann nimmt dieses nie ab. Auch die zauberkräftige menschlich gestaltete Alraunwurzel bringt Glück und Reichtum.

Das sind indes alles nur verblichene Spuren des einstigen farbigen Gewandes, womit die Phantasie unserer natursinnigen Vorfahren die Pflanzenwelt umkleidete. Die Götter, die einst durch mannigfache Beziehungen einen Strahl ihrer Herrlichkeit auf sie ausgössen, sind gestürzt, und das Christentum trat an ihre Stelle. Darum sind auch die wenigen Pflanzensagen, die jetzt noch im Munde des Volkes leben, meistens zu Legenden geworden.

Eine der bekanntesten dürfte wohl jene sein, welche die rote Alpenrose Donnerrose nennt, und erzählt, daß ein Blitzstrahl jeden treffe, der eine solche bei sich trägt. Das kam einmal einem schönen launenhaften Dorfmädchen gar teuer zu stehen. Sie gab nämlich ihrem Liebsten, der sie erzürnt hatte, schäkernd ein Donnerröschen. Der arme Bursche steckte das verhängnisvolle Geschenk auf seinen Hut, und es brachte ihm den Tod. Das Mädchen bereute zu spät ihren Übermut und starb vor Gram.

Die entgegengesetzte Eigenschaft besitzt die Haselstaude, welche gegen allen Gewitterschaden mächtigen Schutz gewährt. Das schreibt sich, wie die Legende erzählt, von folgender Begebenheit her. Als die Gottesmutter über das Gebirge ging, um ihre Base Elisabeth heimzusuchen, überraschte sie ein Gewitter und heftiger Regen. Nirgends war ein Baum zu sehen, der der hl. Jungfrau ein Obdach gewährt hätte. Da flüchtete sie sich unter die dichten Zweige einer Haselstaude und fand dort einigen Schutz. Seitdem ist der Strauch von Gott gesegnet, kein Blitzstrahl trifft ihn je, und das Haus, in dem ein Haselzweig aufbewahrt wird, ist sicher vor Gewitterschaden. Darum sieht man deren auch überall in den Fenstergesimsen der Bauernhäuser stecken, und auch auf den Feldern trifft man sie häufig.

Eine ähnliche Sage erzählt das Volk vom Karwendelkraut. Die Muttergottes soll sich nämlich bei ihrem Weg über’s Gebirge auf einem Karwendelrasen ausgeruht haben. Daher besitzt diese Pflanze ganz besondere Wunderkräfte und ist besonders wirksam gegen die Bosheit des Teufels und der Hexen. Dies beweist folgende Geschichte. Es war einmal eine Wöchnerin so unvorsichtig, vor ihrer Aufsegnung allein zur Kirche zu gehen. Der Teufel aber hat über solche Personen bekanntlich Gewalt und war denn auch flugs bei der Hand, das erschrockene Weib zu holen. Doch sie bemerkte noch rechtzeitig einen Karwendelrasen am Wege und setzte sich darauf. Da verschwand der Böse und brüllte:

“Du verfluchtes Karwendelkraut,
Hast mir genommen meine Braut.”

Beiläufig dasselbe passierte auch einer Braut. Sie verschwand plötzlich vom Hochzeitstanze und mußte immer weiter gehen, bis sie endlich ganz ermüdet auf einem Karwendelrasen niedersank. Da gewahrte sie an ihrer Seite den Teufel, der sprach:

“Wärst du nicht auf Karwendel gesessen,
Wärst du ewig in der Hölle gewesen.”

Ebenso schlimm erging es dem seelenhungrigen Satanas mit der Eiche. Es hatte einmal ein kluger Kopf mit dem Teufel einen Pakt geschlossen, und ihm für den erwiesenen Dienst seine Seele zugesagt auf die Zeit, wo die Eiche kein Laub mehr trage. Da kam nun der Teufel im Herbste und sah nach den Eichenbäumen. Doch siehe, diese standen noch im vollen Blätterschmucke, und das alte Laub fiel erst ab, als schon junges nachtrieb. Da ward denn der Teufel, der sich also betrogen sah, wütend vor Zorn und zerkratzte mit seinen Klauen die Blätter, die seit jener Begebenheit gezackt sind.

Als Heilmittel steht unter dem Volke die Bibernellwurzel in großem Ansehen, besonders soll sie bei Pest und Seuchen wirksam sein. So herrschte vor vielen Jahren in Tirol eine große Sterblichkeit. Die Bewohner des Dorfes Zirl im Oberinntal, die noch von der Krankheit verschont geblieben waren, verließen ihre Häuser und flohen auf einen nahen Hügel. Dort beteten sie mit großer Andacht Tage und Nächte lang um Abwendung der Pest. Da erschien eine Weiße Gestalt und rief ihnen zu:

“Eßt Kranewitt und Bibernell,
Dann kommt der Tod nicht so schnell.”

Sie taten es, und kein Mensch ward von der Seuche befallen. Zum Danke bauten sie auf dem Hügel eine kleine Kapelle, die noch heutzutage steht und Geisterkapelle genannt wird.

Ebenso heilsam ist das Kraut Immerweh, von dem folgende Sage erzählt wird. Es ging einmal eine arme Frau in den Wald, um Streu zu rechen. Da fuhr plötzlich eine Schlange aus dem Laub und biß das Weib in das Handgelenk. Das Gift wirkte alsogleich, und die Unglückliche schrie vor Schmerzen. Da trat ein Holzfräulein, das ihr Wehklagen vernommen hatte, aus dem Wald. Das sind, wie die Sage erzählt, kleine zierliche Elfen, ganz in Moos und Bast gekleidet. Dieses mitleidige Wesen gab der leidenden Frau eine Blume und sagte: “Iß sie schnell, dann wirst du gesund”. Das Weib that es, und augenblicklich hörte der Schmerz auf. “Nimmerweh!” rief die Geheilte voller Freude. Die Blume ward von nun an so genannt, und die Frau half mit derselben manchem Kranken aus der Not. Das gute Weib hatte aber einen bösen habsüchtigen Mann, der wollte mit dem entdeckten Wundermittel Geschäfte machen, und weil er fürchtete, das Holzfräulein könnte auch andern das Geheimnis verraten, paßte er dem unschuldigen Wesen auf und schlug es mit der Axt zu Boden, daß sein rotes Blut weit umher spritzte. Sterbend rief es aus:

“O Nimmerweh,
Jetzt Immerweh,
Blüh’ nimmermeh!”

Als die Frau die Klagetöne hörte, lief sie voll Schrecken herbei, beweinte ihres Mannes Untat mit heißen Tränen und bat und flehte, daß doch künftig wenigstens noch die Äste der heilkräftigen Blume blühen möchten. Und ihre Bitte ward gewährt. Die Nebenzweige der Pflanze blühen noch heutzutage, doch heißt sie seit dieser Begebenheit “Immerweh”.

Zart und poetisch, wie die eben erzählte Sage, ist auch jene von der Wegwarte. In dieser Gestalt ist nämlich ein Fräulein verborgen, dessen Geliebter in’s Feld gezogen war und nicht geschrieben hatte, ob er gesund geblieben. Die verlassene Braut irrte halb wahnsinnig auf allen Wegen und Stegen umher, den Verlorenen zu suchen, und wollte gar keinen Trost annehmen. Da verwandelte sie Gott in jenes Kraut, das an allen Wegen blüht und deshalb “Wegwarte” genannt wird.

So schön aber auch diese Sagen sind, so werden sie doch an Lieblichkeit und Innigkeit weit übertreffen durch jene, die sich das Volk vom Dreifaltigkeitsblümlein erzählt. Dieses blüht bekanntlich im Korn und ist mit feinem Krönlein gar anmutig anzuschauen, weshalb es auch ehemals das “schöne Kornblümlein” hieß. Das war aber sein geringster Vorzug, denn es besaß auch einen Duft, so köstlich und süß berauschend, daß die Leute das Korn nicht achteten und die vollen Ähren niedertraten, um es zu pflücken. Das tat dem bescheidenen Blümlein leid, und es betete: “O heilige Dreifaltigkeit, nimm mir meinen süßen Duft, damit nicht um meinetwillen das liebe Korn zertreten werde!” Gott erhörte seine Bitte, sprach aber dabei: “Weil du so fromm und demütig bist, sollst du meinen Namen tragen für alle Zeiten.” Von dieser Stunde an nennt man es “das hl. Dreifaltigkeitsblümlein”.

Die Verwandlung eines Liebespaares finden wir nebst der Wegwarte auch in der Sage von “Gretel in der Stauden” und “Hansel am Weg” (Vogelknöterich). Diese waren Nachbarskinder und einander in heißer Liebe zugetan. Aber der Vater der schönen Gretel, ein reicher geiziger Bauer, wußte jede Annäherung des armen Hansel zu verhindern. Voll Sehnsucht sah nun dieser vom Wege aus so lange in den Garten, und die Geliebte, von gleichem Verlangen beseelt, schaute vom Garten aus so lange zu Hans herüber, bis Beide in Blumen verwandelt wurden.

Auch das für Brustleidende heilsame isländische Moos ist Gegenstand einer tirolischen Legende. Es hieß vor Zeiten Isere und wuchs auch in den Tälern. Die Kühe, welche davon fraßen, gaben doppelt so viel Milch. Als nun der Heiland noch auf Erden weilte, kam er auf seinen Wanderungen auch nach Tirol. Als Bettler verkleidet klopfte er an die Türe eines stattlichen Bauernhofes. Darin herrschte eine übermütige Bäuerin, die soeben ein Milchbad nahm und den bittenden Heiland mit rauhen Worten abwies. Da erzürnte der Herr und rief: “Isere, wachs’ unterm Schnee!” Seitdem wächst die nützliche Pflanze nicht mehr in den Tälern, sondern nur auf den Höhen.

Der Teufel hat mit den Pflanzen entschieden Malheur, wie wir schon oben zu hören Gelegenheit hatten. Ich will zum Schluß noch erzählen, wie es ihm mit dem Kraut, Teufelsabbiß genannt, ergangen ist. Es hatte nämlich ein junger Mann mit dem Gehörnten einen Pakt geschlossen und ihm seine Seele verschrieben, wenn er ihm die Heilkunde und die Kenntnis der Kräuter lehrte. Der Teufel ging den Handel ein, und der Doktor half unzähligen Menschen. Besonders tat ein Kraut gute Dienste. Da er aber durch seine Wunderkuren dem Teufel selbst in’s Handwerk pfuschte, und die Zahl der Höllenkandidaten bedenklich abnahm, ward es diesem zu arg, und er machte den Doktor blind, obschon die bedungene Zeit noch nicht abgelaufen war. Letzterer aber, schlauer als sein Patron, suchte tappend und tastend Wies und Feld ab und fand endlich doch das Kraut. Er band sieben Stück in einen Büschel, hing denselben auf den Rücken und erhielt das Licht der Augen wieder. Nun war Meister Satanas der Betrogene, denn er hatte den Pakt selbst gebrochen, und der Doktor heilte noch viele. Voll Zorn beißt deshalb der Teufel jedem derartigen Kraut die mittlere Wurzel ab, daher es “Teufelsabbiß” heißt. Das hilft ihm aber nichts, denn das Kraut ist noch immer gut gegen Augenfluß und Augenschwäche.

Das sind die wenigen Pflanzensagen, die Tirol noch aufzuweisen hat, zerstreute Reliquien jenes großen Schatzes, den in grauer Vorzeit die naive Phantasie des Volkes schuf und damit Feld, Wald und Wiese belebte. Noch ein paar Dezennien, noch ein paar Dutzend Veteranengräber, und die letzte Spur dieser urwüchsigen Gebilde ist verwischt und hat dem wohlfeilen Spotte über den Köhlerglauben unserer Ahnen Platz gemacht!

Quelle: Angelika von Hörmann, Tirolische Pflanzensagen, Aufsatz veröffentlicht in: Amthor, Der Alpenfreund, Monatshefte für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben. Gera 1870

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